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Dr. Torsten Langner 30. Oktober 2018

Warum wir Kryptowährungen & Blockchain (nicht) brauchen

"Besitzen Sie Kryptowährungen?" Ich stelle diese Frage immer gleich zu Beginn in meinen Vorträgen. Und mit einem Blick in das Publikum kann ich mit einer hohen Treffsicherheit vorhersagen, wie viele Anwesende Kryptowährungen besitzen und wie viele nicht. Je mehr graue Haare unter den Anwesenden sind, desto weniger Besitzer von Kryptowährungen befinden sich im Raum. Dabei ist das Interesse an Kryptowährungen und Blockchain bei beiden Gruppen gleich groß.

Die zentrale Frage, die in den Köpfen vieler schlummert, die in meine Vorträge kommen, lautet: "Habe ich den Zug verpasst?". Die Antwort auf diese Frage liefert eine Zeitreise, auf die ich Sie nun mitnehmen möchte. Und die Reise beginnt im Jahr 2008…

Aus Misstrauen wurde Krypto

Wissen Sie noch, welches Ereignis das Jahr 2008 geprägt hat? Lehman Brothers löste die große Finanzkrise dieses noch jungen Jahrtausends aus. Viele Menschen verloren ihren Arbeitsplatz und insbesondere in den USA ihr zu Hause. In Folge dessen warfen die Notenbanken ihre Druckerpressen an und sowohl in den USA als auch in Europa wurden die Leitwährungen massiv abgewertet. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich morgens mein Hotel in Seattle verlies und zur Konferenz ging. Jeden Morgen saß eine Frau in ihrem vollgepackten Auto auf der einen Straßenseite. Und wenn ich abends von der Konferenz zurückkam, saß die Frau immer noch in ihrem Auto – allerdings auf der anderen Straßenseite. Jemand erzählte mir dann, dass diese Dame wohl in ihrem Auto wohnte und dieses alle 12 Stunden bewegen musste, um nicht abgeschleppt zu werden.

In genau diesem Kontext trat 2008 ein Genie auf den Plan, das ähnlich wie der Künstler Banksy Geniales schafft, den Rum aber eher aus der Anonymität heraus genießt. 2008 begann Satoschi Nakamoto, so sein Synonym, mit der Entwicklung des Bitcoin, der letztlich 2009 live geschaltet wurde. Die Motivation, so lässt sich vermuten, war die Entwertung des Geldes durch die Notenbanken durch die Einführung des sog. "Helikoptergeldes".

Die ersten Nutzer von Bitcoin waren Nerds. Nerds, die eher an der genialen Implementierung des ersten distributed ledger interessiert waren, härteten die ersten Versionen. Dabei war die Benutzerfreundlichkeit von Bitcoin anfangs eher für IT-affine Menschen gemacht. Genauso muss es sich bei der ersten Verwendung eines E-Mail-Systems angefühlt haben: Während Sie für den Versand von E-Mails einen E-Mail Client, eine E-Mail-Adresse und ein Passwort benötigen, mit dem Sie sich bei einem E-Mail-Server anmelden können, benötigen Sie bei Bitcoin (und den anderen Kryptowährungen) ein sog. Wallet, eine eindeutige Adresse sowie einen privaten Schlüssel, mit Hilfe derer Sie Transaktionen in der Blockchain tätigen können:

Die von Nakamoto entwickelte Blockchain schuf eine funktionierende und fälschungssichere digital-demokratische Einmaligkeit, mit deren Hilfe digitales Gut nicht vervielfältigbar innerhalb des eigenen, verteilten Systems wurde. Und das zu lösen ist nicht einfach. Bis heute ist die Mehrheit der Finanzsysteme noch zentral gesteuert. Vereinfacht können Sie sich die Herausforderung der Koordination eines Finanztransaktionssystems an folgendem Kegelclub-Beispiel ansehen (s. Abb. 3).

Alle Clubmitglieder zahlen in die zentrale Urlaubskasse ein und nehmen für Besorgungen Geld aus dieser Kasse wieder heraus. Da Günter Spielautomaten mag, Petra gern feiern geht und Thomas immer einen über den Durst trinkt, ist nur Uschi die vertrauenswürdigste Person in diesem Club. Und damit ist sie prädestiniert, die Mallorca-Kasse für 2019 zu führen, in der sämtliche Transaktionen festgehalten werden.

Ihre Bank ist Uschi. Sie vertrauen Ihrer Bank Ihr Geld an und Ihre Bank verwaltet die Ein- und Ausgänge. Damit ist Ihre Bank ein zentrales System und Ihr gesamtes Vertrauen beruht auf dieser einzelnen Organisation. Kryptowährungen wie Bitcoin haben aber gezeigt, dass dezentrale Systeme funktionieren.

Aus Krypto-Geld wurde Krypto-Plattform

Nachdem Bitcoin gezeigt hat, dass Blockchain per se funktioniert, hat Vitalik Buterin 2015 mit seiner Ethereum-Plattform gezeigt, dass sich distributed ledger nicht nur auf eine digitale Währung beschränken müssen. Im Gegenteil: Blockchain und Co. bieten eine exzellente Basis, um ganze Ökosysteme im Sinne einer Plattformökonomie wachsen und gedeihen zu lassen. So lassen sich auf dieser Plattform eigene Anwendungen mit unterschiedlichen Use Cases implementieren, deren Transaktionen sicher in der verteilten Organisationsstruktur gespeichert werden.

Wann Blockchain Sinn macht

Viele beschäftigen sich mit dem Thema Blockchain. Dabei haben einige gezielte Anwendungsszenarien im Sinn, während andere noch nach dem konkreten Einsatzgebiet suchen. Die dezentrale Natur der beiden Technologien lässt Organisationen zusammenarbeiten, die vorher isoliert gedacht haben.  

Wenn beispielsweise ein gewaltbereiter Gefährder in Bayern registriert wird und dieser über diverse Bundesländer nach Hamburg reist, dann könnte eine blockchain-basierte Datenbank allen Bundesländern und allen Polizeieinheiten diese Information ad hoc zur Verfügung stellen, ohne dass es mehrere komplizierte Landes- und Zentraldatenbanken gibt, die sich umständlich und teuer abgleichen müssen. Die überaus demokratische Natur der Blockchain ermöglicht die Zusammenarbeit zweier oder mehrerer Parteien ohne eine Klärung von Datenbesitz oder Vertrauensbasis durchzuführen. Beide Elemente sind von Natur aus da. Nur dann macht es Sinn, Blockchain einzusetzen.

Sobald die Parteien eine Blockchain-Plattform für die Zusammenarbeit wählen, sorgt die Blockchain-Technologie dafür, dass jeder immer auf alle Daten zugreifen kann. Selbst wenn eine Partei aus dem Verbund austritt, läuft das System dank Blockchain immer weiter – ohne Datenverlust. Auch das Vertrauen ist von Natur aus gegeben, da eindeutige Identitäten für Korrektheit im System sorgen. Im Fall des Hard Fork bei Bitcoin beispielsweise, bei dem die "Revoluzzer" den Bitcoin Cash geschaffen haben, konnten die Bitcoin-Cash-Anhänger sogar auf ihre Bitcoins zurückgreifen. Keine Daten gingen verloren, obwohl beide Parteien (Bitcoin- und Bitcoin-Cash-Anhänger) getrennte Wege gegangen sind.

Jede Industrie hat diverse Use Cases für Blockchain. Im Folgenden schauen wir uns nun exemplarisch einen Use Case an, der in diversen Industriezweigen Verwendung findet: Jedes Jahr im Sommer landen tausende Touristen am Flughafen, die in ihren Urlaubsländern shoppen waren. Mandy und Daniela laufen frisch gebräunt und noch teilweise in Badelatschen aus der Türkei oder aus Asien kommend mit neuer Luis-Vuitton-Tasche durch den deutschen Zoll, und Günther trägt endlich die goldene Rolex am Arm, die er schon immer haben wollte. Laut Schätzungen sind 99 Prozent aller Luis-Vuitton-Taschen Nachahmungen. Viele sind vom Original kaum zu unterscheiden. Während einige bei einem Preis von 200 EUR statt 1.800 EUR davon ausgehen, dass es sich um eine Fälschung handelt, wissen viele Käufer schlichtweg nicht, ob die bei Ebay ersteigerte Luis-Vuitton-Tasche für 1.200 EUR auch wirklich echt ist. Laut Internationaler Handelskammer entsteht durch Produktpiraterie pro Jahr ein Schaden von 1,4 Billionen EUR. Aber auch andere Güter wie Ersatzteile, Medikamente oder Softwarekopien sind häufig gefälscht.  

Auch hierbei kann die Blockchain ihren Nutzen entfalten: Mit jeder Tasche, Uhr oder jedem Ersatzteil, das die offizielle Produktion verlässt, kann der Hersteller in einer Blockchain ein digitales Echtheitszertifikat erstellen, das mit einem kopiersicheren Kennzeichen der Tasche gekoppelt wird. Über eine App kann das in der Tasche versteckte Kennzeichen ausgelesen werden und damit die Echtheit des Produktes verifizieren. Das in Shanghai basierte Unternehmen BitSE hat sich schon früh auf den Kopierschutz mittels Blockchain spezialisiert. Die sog. VeChain ist die Blockchain, über die einzigartige Identifikationen erzeugt werden, welche mit einem NFC Chip oder einem QR-Code gepaart sind. VeChain fokussiert sich dabei auf Luxusgüter, den Einzelhandel, die Logistik, auf Weine und die Landwirtschaft. Im März 2018 gab das Unternehmen auch eine Kooperation mit BMW bekannt, um die Vernetzung, Überwachung und Nachverfolgung von Produkten zu erproben.

Oder wussten Sie, dass der deutsche Zoll jedes Jahr Millionen von gefälschten Tabletten sicherstellt? Gehandelt werden u. a. Medikamente gegen Rheuma, Krebs, Alzheimer und Impotenz. Weltweit steigt die Anzahl der gefälschten Medikamente, die mitunter lebensbedrohliche Auswirkungen haben können. Aus diesem Grund machen sich Pharmahersteller und Regierungen bereits seit einiger Zeit Gedanken, wie alle Parteien (Distributoren, Ärzte, Apotheker und Patienten) sicherstellen können, dass ein Medikament wirklich echt ist.  

Im Mai 2017 haben bereits zwei Deutsche einen Preis für einen ersten Prototypen bekommen: LifeCrypter. Hierbei wird jedem Medizinbestandteil ein eindeutiger und nicht kopierbarer Schlüssel beigefügt, mit dem virtuelle und physikalische Bestandteile vom Hersteller bis zum Konsumenten nachvollziehbar transferiert werden können.

Dr. Torsten Langner auf den IT-Tagen 2018

Zum gleichen Thema hält Dr. Torsten Langner einen Vortrag auf den diesjährigen IT-Tagen – der Jahreskonferenz der Informatik Aktuell.

Es wurde Krypto... Warum wir Blockchain und Tangle (nicht) brauchen
(12.12.2018, 16:00 Uhr)

What’s next?

In Anlehnung an Fred Wilson, den Gründer von Union Square Ventures, lässt sich rückblickend festhalten, dass ohne eine irrationale Überschwänglichkeit nichts Wichtiges jemals geschaffen wurde. Für alles das, was wir heute als normal bezeichnen, wurde ein Hype geschaffen, der Investoren dazu veranlasste, ihr Geld in Erfindungen wie Eisenbahnen, Flugzeuge oder das Automobil zu stecken. In vielen Fällen wurde auch damals schon Geld verloren. Aber es wurde auch viel Geld gewonnen und die Überlebenden der Dot-Com-Blase (Facebook, Google, Amazon, Microsoft etc.) sind heute wichtiger und wertvoller als jemals zuvor.

Als der Banksy des Internets alias Satoschi Nakamoto Bitcoin schuf, konnte er noch nicht ahnen, welche Ausmaße seine Entwicklung rund 10 Jahre später annimmt. Während viele die Anonymität der Kryptowährung für illegale Geschäfte nutzten, hatten viele andere auch ehrenwerte Ziele. Allerdings ist 2018 der Hype spürbar zurückgegangen und mehr und mehr Menschen fragen nach dem eigentlichen Nutzen einer Kryptowährung. Und das ist auch gut so!

Man muss also zwingend zwischen der Krypto-Phase 1 und der Krypto-Phase 2 unterscheiden. Die Krypto-Phase 1, die ich bis Ende 2017 ansetze und in der jeder irgendwie Kryptowährungen hip fand (einige sprachen gar von der Zukunft der bargeldlosen Gesellschaft), ist nun vorüber. Die Kurse sind teilweise in nur zwei Monaten auf ein Drittel und weniger abgesackt. Da hat Fortuna scheinbar wieder einmal ihre große Nadel herausgeholt und viele bunte Ballons zerplatzen lassen. Nun beginnt aber die Krypto-Phase 2 und Investoren und Unternehmer fokussieren sich endlich auf den Nutzen. Und dieser Nutzen basiert im Wesentlichen auf Mehrwerten, die durch Blockchain geschaffen werden.

Was die Zukunft bringt ist also ungewiss. Vielleicht enden die Kryptos & Blockchains dieser Welt ja wie das Einrad-Automobil von Purves, das Aquaplane oder die Badewanne von Per Bergmann. Das glaube ich persönlich aber nicht.

Autor

Dr. Torsten Langner

Torsten Langner ist promovierter Wirtschaftsinformatiker und arbeitet als Digital Enabler & Blockchain-Enthusiast mit Kunden der T-Systems an spannenden Projekten, die den Wandel in den Vordergrund stellen.
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