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Dr. Matthias Farwick 12. Januar 2021

Cloud-Migrationsentscheidungen richtig treffen

Wenn es darum geht, einen Großteil der Applikationslandschaft in die Cloud zu migrieren, steht man vor einigen wichtigen Entscheidungen. Welche Applikationen eignen sich eigentlich für die Cloud aus technischer oder Compliance-Sicht, welche Applikationen bringen besonders viel Mehrwert in der Cloud und wie können wir bei der Migration Geld sparen? Dieser Beitrag richtet sich an IT-Entscheider sowie Architekten und stellt die Grundkonzepte des sogenannten Cloud Readiness Assessment und der Kostenoptimierung bei großen Migrationen in die Cloud vor.

Es wurde viel geplant, diskutiert, mit Cloud-Anbietern verhandelt und Best Practices gesammelt. Und nun ist sie endlich da – die Cloud-Strategie. Wenn es allerdings um die praktische Umsetzung der Cloud-Transformation geht, stehen viele vor großen Herausforderungen. Historisch gewachsene und intransparente IT-Landschaften, regulatorische Anforderung und berechtigte sowie unberechtigte Sicherheitsbedenken erschweren die Entscheidungsfindung und die Entwicklung der richtigen Cloud-Lösungen. Hinzu kommt noch der ständig wachsende Zoo an Cloud-Services der Provider mit schwer zu vergleichenden Kostenstrukturen.

In diesem Artikel möchte ich Ihnen meine Erfahrung aus den Assessments von über zehntausend Applikationen teilen, die wir mit unser Software begleitet haben, um Ihnen damit die Übersetzung Ihrer Cloud-Strategie in die Praxis zu erleichtern. Dabei gehe ich auf die wichtigen organisatorischen Voraussetzungen ein und gebe Ihnen Tipps an die Hand um das Cloud-Assessment von großen Applikationslandschaften zu beschleunigen.

Zunächst möchte ich dafür zwischen drei Transformationsarchetypen unterscheiden – geordnet nach ihrer Geschwindigkeit.

  1. Greenfield/Cloud-First: In diesem Transformationsansatz werden nur Neuentwicklungen und Zukäufe in die Cloud gebracht. Dieser Ansatz ersetzt Legacy-Applikationen nach und nach durch Cloud-Applikationen sobald sie ihren End-of-Life-Zyklus erreicht haben. Das Transformationsrisiko ist zwar gering, dafür aber auch die Geschwindigkeit.
  2. Continuous Assessment & Migration: Hier werden laufend Applikationen analysiert und je nach Entscheidungskriterien, z. B. Kostenersparnis und Cloud-Mehrwert in die Cloud migriert. Gesteuert wird dieser Ansatz typischerweise durch ein Cloud Center of Excellence, auf das ich weiter unten genauer eingehen werde.
  3. Big-Bang Cloud Transformation: Beim Big-Bang-Ansatz wird mit großer Kraftanstrengung, typischerweise mit viel externer Unterstützung, ein Assessment der IT-Landschaft durchgeführt und dann möglichst rasch migriert. Typischerweise ist diese Form von einer Board-level-Entscheidung angestoßen, die eine sehr ambitionierte zeitliche Zielvorgabe für die Cloudifizierung vorgibt.

In diesem Artikel konzentriere ich mich auf die letzten beiden Ansätze. Beide haben nämlich gemeinsam, dass sie strukturierte Transformationsentscheidungen von teils tausenden Applikationen in kürzester Zeit zur Voraussetzung haben. In beiden Fällen gibt es zudem die Anforderung für eine Makro-Sicht auf die Applikationslandschaft, also die Sicht darauf, was eine Migration des gesamten Portfolios mit sich bringen würde. Und eine Mikro-Sicht in der einzelne Entscheidungen für Applikationen gefällt werden müssen.

Die folgende Abbildung zeigt im oberen Teil den Prozess, wie er bei einem Assessment typischerweise zum Einsatz kommen sollte. Unabhängig vom Einsatz eines Tools hat sich diese Vorgehensweise als Best Practice etabliert.

Von links nach rechts gelesen ergeben sich also folgende Schritte:

  • Entwicklung der Cloud-Strategie und Aufbau eines Cloud Center of Excellence.
  • Discovery-Phase zur Sammlung von Informationen über die Applikations- und Infrastrukturlandschaft.
  • Assessment-Phase zur Analyse einzelner Applikationen aus Business, Security, Compliance und technischer Sicht und Entscheidungsfindung im Sinne der 6Rs (Rehost, Replatform, Refactor, Repurchase, Retire, Retain) [1].
  • Entwicklung der Zielarchitektur inklusive Kostenoptimierung.

Als ersten Schritt während der Entwicklung der Cloud-Strategie müssen die organisatorischen Voraussetzungen geschaffen werden. Da Cloud-Wissen oft noch nicht stark verbreitet ist und sehr viele Stakeholder in Migrationsentscheidungen involviert sind, bietet es sich an, eine Organisationseinheit zu schaffen, die das Wissen und die Kommunikation bündelt.

Organisatorische Voraussetzungen schaffen

Kommen wir also zur ersten wichtigen Empfehlung: Bauen Sie möglichst früh ein Cloud Center of Excellence (CCoE) auf – im Bestfall schon während der Strategieentwicklung.

Bei einem CCoE handelt es sich um eine relativ kleine organisatorische Einheit, die den gesamten Transformationsprozess steuert und Cloud-Wissen im Unternehmen verbreitet. Typischerweise besteht das CCoE aus Unternehmensarchitekten, erfahrenen Cloud- und Infrastrukturspezialisten und Fachleuten aus DevOps und FinOps.

Die Aufgabenbereiche des CCoE sind so wichtig wie vielfältig:

  • Best Practices & Cloud Policies – das CCoE entwickelt unternehmensspezifische Best Practices und Policies. Das ist vor allem wichtig um technologischen Wildwuchs zu vermeiden und die Einhaltung von regulatorischen Anforderungen durchgängig zu gewährleisten.
  • Transformation- & Cloud Governance – das CCoE behält den Überblick über den Status des Assessments und der Migration. Zusätzlich steuert es den Einsatz und die Optimierung im Einsatz befindlicher Cloud-Services um Kosten zu senken und Standardisierung zu schaffen.
  • Upskilling & Knowledge Transfer – da die Cloud-Infrastruktur für die meisten Unternehmen der neue Status quo sein wird, ist das CCoE dafür verantwortlich, das Cloud-Wissen im Unternehmen zu verbreiten und neue Mitarbeiter zu finden sowie zu schulen.
  • Stakeholder Guidance & Communication – das CCoE wirkt als zentraler Ansprechpartner zum Beispiel für Applikationsverantwortliche für die Migrationsentscheidungen anstehen und sorgt damit für eine schnellere, einheitliche und der Strategie entsprechende Entscheidungsfindung. Ein CCoE ist auch für die frühzeitige Einbindung von wichtigen Stakeholdern verantwortlich. Z. B wenn es darum geht, zentralisiert Informationen über die Applikationslandschaft zu konsolidieren.

Wenn man nun die wichtigsten Aspekte des Cloud Application Assessments betrachtet, wird schnell klar, wie wichtig das CCoE für den Erfolg der Cloud- Transformation ist. Bei diesen Aspekten handelt es sich um die technische Machbarkeit der Migration (Readiness), das Migrationsrisiko sowie die Analyse des eigentlichen Mehrwerts der Migration. Um also fundierte Entscheidungen dieser Aspekte treffen zu können, braucht es die gesammelten Skills eines CCoEs.

Diese Aspekte des Cloud-Assessments einzelner Applikationen schauen wir uns im nächsten Abschnitt genauer an.

Application-Discovery & Cloud-Assessment

Um die Fragen nach Readiness, Risiko, Kosten und Cloud-Mehrwert beantworten zu können, müssen zunächst Daten erhoben werden. Bei dieser Application-Discovery werden Daten über Applikationen und deren Infrastruktur gesammelt, die dann mittels eines Cloud-Assessment-Regelsatzes evaluiert werden. Für die Datensammlung gibt es Tools, die Sie bei der strukturierten und zentralisierten Datensammlung unterstützen. Eine genaue Beschreibung der Best-Practices für die Datensammlung würde leider den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Deshalb komme ich hier zu meiner zweiten Empfehlung im Bezug auf Cloud Readiness Assessment bevor wir auf die einzelnen Blickwinkel der Cloud Readiness eingehen: Fokussieren Sie sich beim Assessment und den Migrationsentscheidungen nicht nur auf die technische Machbarkeit und den Migrationsaufwand. Legen Sie stattdessen das Gewicht stärker auf den Cloud-Mehrwert der geschaffen werden kann.

Ganz praktisch bedeutet das, dass Sie bei der Analyse der Applikationen nicht nur den technischen Stack (Server, Datenbanken, etc.) betrachten sollten, sondern – mindestens genauso wichtig – die Business-, Security- und Compliance-Anforderungen auf Applikationsebene.

Entwickeln Sie also mit Ihrem CCoE eine regelbasierte Vorgehensweise bei der Sie diese Aspekte in Betracht ziehen um Applikation zu bewerten. Dadurch schaffen Sie eine einheitliche Methodik und Migrationsentscheidungen können besser argumentiert und schneller getroffen werden.

Im Folgenden gehe ich auf die wichtigsten Aspekte ein, die Teil Ihres regelbasierten Assessment-Ansatzes sein sollten.

Cloud Readiness

Cloud Readiness bezeichnet die Eignung einer Applikation inklusive ihrer technischen Komponenten und deren Konfiguration für die Cloud. Ein typisches Beispiel ist der Virtualisierungsgrad einer Applikation. Läuft die Applikation z. B. vollständig auf virtuellen Maschinen oder ist sie schon containerisiert? Dann erhöht das natürlich die Machbarkeit der Migration und reduziert den Aufwand. Läuft sie hingegen direkt auf physischen Servern oder einem Mainframe, dann macht das die Migration deutlich komplexer oder sogar unmöglich.

Darüber hinaus hat die Cloud-Readiness-Analyse viele Facetten, die ich hier grob auflisten möchte. Was sind also weitere Beispiele für Fragen im Bezug auf Cloud Readiness, die Sie mit Hilfe von Regeln betrachten sollte:

  • Gibt es für die Komponenten der Applikation überhaupt Cloud-Services, die diese ersetzen könnten?
  • Welche Applikationen kommunizieren mit dieser Applikation und ist diese Kommunikation verschlüsselt? Unverschlüsselte Kommunikation müsste bei einem Umzug in die Cloud wahrscheinlich verschlüsselt werden, was wiederum den Migrationsaufwand erhöht.
  • Verwendet der Code einer Eigenentwicklung hardcodierte IPs? Das würde auch zu höherem Migrationsaufwand führen.
  • Sind die Komponenten stateless und eignen sich deswegen besser für eine Containerisierung?

Hier handelt sich natürlich nur um einen kleinen Ausschnitt an wichtigen Fragen. Ich rate dazu, Fragen auf die speziellen technischen Anforderungen und Standards in Ihrem Unternehmen anzupassen.

Migrationsrisiko

Im Bezug auf das Migrationsrisiko sollte man die allgemeinen, aber auch die industriespezifischen regulatorischen Anforderungen betrachten. Dabei dreht es sich vor allem um die Themen rund um die verarbeiteten Daten, aber auch natürlich um die Kritikalität einzelner Applikationen, zum Beispiel in Bezug auf Business Continuity. Beziehen Sie also zumindest folgende Fragen in Ihren Assessment-Regelsatz mit ein.

  • Welche Daten verarbeitet oder transportiert eine Applikation? Sind es personenbezogene Daten oder wichtiges geistiges Eigentum?
  • Handelt es sich um personenbezogene Daten, die z. B. aus regulatorischen Gründen die EU nicht verlassen dürfen (Stichwort GDPR)?
  • Gibt es spezielle Zertifizierungsanforderungen aus Ihrem Industriesektor, die Sie in Betracht ziehen müssen? Welcher Cloud-Anbieter hat die nötigen Zertifizierungen?
  • Wieviele Nutzer hat die Applikation und welche Auswirkungen hätte ein Ausfall im Zuge einer Migration?

Das Migrationsrisiko steht natürlich immer im Verhältnis zum Mehrwert einer Cloud-Migration und den zu erwartenden Kosten...

Cloud-Mehrwert und Business Case

Wie eingangs erwähnt, sollte der Cloud-Mehrwert immer im Fokus ihrer Analyse stehen. Selbst wenn eine Applikation technisch sehr einfach zu migrieren wäre und ein geringes Migrationsrisiko hat, muss das noch nicht zwangsläufig bedeuten, dass es auch sinnvoll ist, die Applikation zu migrieren.

Neben den Kosteneinsparungspotentialen, auf die ich weiter unten eingehe, gibt es noch weitere wichtige Faktoren, die auf den Cloud-Mehrwert einzahlen. Dabei geht es zum Beispiel um:

  • Profitiert die Applikation von den horizontalen und vertikalen Skalierungsmöglichkeiten in der Cloud?
  • Würde die Migration die Innovationskraft Ihres Unternehmens fördern?
  • Können wir durch die Verwendung von PaaS- oder SaaS-Produkten Administrationsaufwand reduzieren?
  • Hat die Applikation bereits das Auslastungslimit erreicht oder müsste ohnehin in Infrastruktur investiert werden?
  • Verwendet die Applikation Technologien, die nicht den Technologievorgaben Ihrer Strategie entsprechen oder keinen Support mehr haben?

Neben dem nichtmonetären Cloud-Mehrwert sollte man natürlich den möglichst genauen Vergleich auf tatsächlicher Kostenebene machen. Dabei möchte auf eine weitere wichtige Empfehlungen verweisen, denn Kosten sind bei der Cloud-Migration komplexer als sie auf den ersten Blick scheinen.

Betrachten Sie frühzeitig, wie und wo Sie auf Ihrer Reise in die Cloud Kosten sparen können um die Migration in die Cloud auch auf finanzieller Ebene langfristig zum Erfolg werden zu lassen. Viel wurde schon darüber geschrieben, wie man Kosten sparen kann, wenn man bereits in der Cloud ist. Das ist natürlich wichtig, doch wenn man schon frühzeitig mit der Optimierung beginnt lassen sich die Vorteile der Cloud schneller zeigen.

Beachten Sie also folgende Punkte um schon früh Einsparung zu erreichen:

  • Suchen Sie im Zuge des Assessment nach Möglichkeiten, Applikationen zu konsolidieren und konsequent abzuschalten. Ein Assessment bietet einen guten Zeitpunkt um Redundanzen aufzudecken und aufzulösen.
  • Überlegen Sie vor der Migration bei Commitments über die Cloud Service Nutzung abgeben können. Durch diese sogenannten "Reserved Instances" können Sie starke Rabatte bei den Cloud-Providern erzielen.
  • Machen Sie eine "Right-Sizing"-Analyse bevor Sie migrieren. Damit erreichen Sie die optimale Auslastung der Cloud-Ressourcen und erreichen Kosteneinsparungspotentiale früh in der Migration.
  • Ziehen Sie eher PaaS, FaaS, CaaS und SaaS als IaaS in Betracht. Dadurch reduzieren Sie den Administrationsaufwand der Infrastruktur. Einfaches "Lift-und-Shift" der Infrastruktur hat seine Berechtigung, allerdings hauptsächlich dann, wenn Schnelligkeit das absolute Ziel ist, z.B. bei Carve-Outs oder Rechenzentrumsauflösungen.

Wenn Sie Ihren Cloud Business Case rechnen, sollten Sie zusätzlich die Kosten für eingehenden und ausgehenden Traffic aus den Cloud-Rechenzentren nicht außer Acht lassen. In der Praxis beobachten wir oft, dass diese Kosten nicht beachtet werden, da sie nicht so offensichtlich sind wie die eigentlichen operativen Kosten der Cloud-Services. Hier gilt es, auf das Kleingedruckte bei ihrem Cloud Provider zu achten.

Wo und wie legen wir los?

Ich hoffe ich konnte Ihnen mit diesen Tipps dabei helfen, in Zukunft schneller von der Cloud-Strategie in die eigentliche Transformation zu kommen. Ausgangspunkt für das Assessment und Ihre Entscheidungen sollte immer Ihre Cloud-Strategie sein, die operativ vom Cloud Center of Excellence getrieben wird. Die Strategie darf natürlich nicht in Stein gemeißelt sein und muss sich kontinuierlich an die organisatorischen, technischen und auf den Markt bezogenen Rahmenbedingungen anpassen.

Bauen Sie auch möglichst früh ein CCoE auf, das das Assessment Ihrer Applikationslandschaft aus den Gesichtspunkten Ihrer speziellen Business-, Security-, Compliance- und technischen Anforderungen analysiert. Fokussieren Sie sich dabei vor allem auf den Cloud-Mehrwert auf Applikationsebene, anstatt auf die technische Machbarkeit und fangen Sie früh mit der Kostenoptimierung an – bevor die ersten, unerwartet hohen Rechnungen eintreffen.

Und zu guter Letzt: Setzen Sie Tools ein, die mit Best Practices und Automatisierung Ihre Cloud-Transformation beschleunigen und Kosten senken.

Ich wünsche viel Erfolg auf Ihrer Reise in die Cloud.

Autor

Dr. Matthias Farwick

Matthias Farwick ist Co-Founder und CEO der Cloud Transformations-Software Txture und ist Experte im Bereich Cloud Assessment und Enterprise Architecture Management.
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