Über unsMediaKontaktImpressum
Persönlichkeiten der Informatik 17. September 2019

Stephanie Shirley

Arbeiten im Homeoffice oder FreelancerIn in der Technologiebranche sein – heute keine Ausnahme mehr. Doch die Idee, von zu Hause aus zu arbeiten, kommt nicht etwa aus dem Silicon Valley, sondern von Stephanie Shirley. Sie legte bereits in den 1960er Jahren den Grundstein für flexible Arbeitsbedingungen. Ihr Antrieb: Frauenrechte zu stärken, in einer Zeit, in der Frauen ohne Zustimmung ihres Ehemanns nicht einmal ein Bankkonto eröffnen konnten. Heute ist Shirley eine der reichsten Frauen Englands.

Ein Softwareunternehmen gründen, ohne einen Computer zu besitzen. Ein Unternehmen in den 1960er Jahren aufbauen, in dem nur Frauen angestellt sind. Das Ganze mit einem Startkapital von sechs britischen Pfund und einem geteilten Telefonanschluss. Stephanie Shirley machte daraus am Ende ein Multi-Milliarden-Dollar-Unternehmen.

1933 in Dortmund geboren, wird sie mit fünf Jahren während des Zweiten Weltkriegs zusammen mit ihrer Schwester mit dem Kindertransport nach England in eine Pflegefamilie gebracht. Ihr deutsch-jüdischer Vater und ihre Mutter, die aus Wien stammte, konnten ebenfalls kurze Zeit später vor dem Nazi-Regime fliehen. Da die Ehe der Eltern zerbrach blieb Stephanie Shirley, damals noch mit dem Namen Vera Stephanie Buchthal, jedoch bei ihren Pflegeeltern. Ihr Verhältnis zu ihren leiblichen Eltern bleibt gestört, die Mutter streicht sie aus ihrem Testament, der Vater geht eine neue Ehe ein, kehrt später nach Deutschland zurück. Der Kontakt bricht ab. Um sich von ihrer Herkunft zu distanzieren, nimmt sie zunächst ihren zweiten Vornamen an. Mit dem Eintreten der Volljährigkeit lässt sie ihren Namen zu Stephanie Brook ändern. Fortan besitzt sie außerdem die britische Staatsbürgerschaft.

Geburtsstunde Female-Freelancing

Schon früh beginnt Shirley sich für Naturwissenschaften zu interessieren. "Als ich zur Schule ging, musste ich für meinen Mathe-Unterricht kämpfen", erzählt Shirley 2015 der Wochenzeitung Die Zeit. Sie wurde eines der ersten Mädchen, das an einer Jungenschule zum Mathematikunterricht zugelassen wurde. Weil Shirley sich kein Studium leisten konnte, begann sie in der Abteilung für Statistik bei der Royal Mail, der britischen Post, zu arbeiten. Die Mathematik gab sie jedoch nie auf und besuchte eine Abendschule, um sich fortzubilden.

Schnell jedoch wurde ihr bewusst, dass ihre Arbeit bei der Royal Mail keine wirklichen Aufstiegschancen bot. Mit ihren männlichen Kollegen kam sie zwar gut aus, sie wurde jedoch häufig von ihnen nicht ernst genommen. Shirley wechselte zu International Computers Limited (ICL) einer Computerfirma, doch auch dort hatte sie das Gefühl, schnell an ihre Grenzen zu stoßen und nicht gefordert zu werden. Shirley kündigte und tat etwas, was für die damalige Zeit undenkbar war: Mit 29 Jahren gründete sie ihre eigene Softwarefirma "F International Group". Eine Firma, in der ausschließlich Frauen angestellt waren. Shirley unterstütze vor allem Frauen, die gerade Kinder bekommen hatten, keine Arbeit mehr fanden und somit oftmals vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen wurden. Mit der Arbeitspolitik flexibel und von zu Hause aus arbeiten zu können, konnten diese Frauen arbeiten gehen. Ein Rat, den sie noch heute vergibt:

Das Wichtigste im Geschäftsleben ist: Richte dich nicht daran aus, wo die Gesellschaft steht, sondern daran, wohin sie möchte.

Aus Stephanie wird Steve

Der Start ihrer Firma verlief dabei alles andere als einfach. "Ich wurde ausgelacht, weil ich eine Frau war und Software verkaufen wollte", schildert Shirley ihre damalige Situation gegenüber Die Zeit. Wie also sollte Shirley sich in den 1960er Jahren behaupten? Nach einem Gespräch mit ihrem Mann Derek Shirley, den sie bei der Royal Mail kennengelernt hatte, riet er ihr dazu, einen Männernamen für die Kundengewinnung anzunehmen. Der Briefkopf ihrer Freelance-Firma änderte sich von Stephanie Shirley zu Steve Shirley. Und plötzlich lief ihr Unternehmen. Schnell etablierte sich das Konzept der Heimarbeit. Immer prestigeträchtigere Aufträge konnte die kleine englische Firma an Land ziehen. Schließlich programmierten ihre Mitarbeiterinnen zum Beispiel die Black Box des ersten Überschall-Passagierflugzeug im Linienflugdienst, der Concorde. 1975 änderte sich ein wichtiger Punkt ihrem Unternehmen: Denn mit Inkrafttreten des britischen Gleichstellungsgesetzes wurde ihr Unternehmen gesetzeswidrig. Shirley stellte fortan auch Männer ein, aber nur welche, die "gut ausgebildet waren", erzählt sie mit einem Augenzwinkern.

Ich hatte eine Entschlossenheit aufgebaut, dass ich mich nicht von anderen Leuten definieren lassen wollte.

Ihre milliardenschwere Firma "F International Group" machte nicht nur sie, sondern auch siebzig ihrer MitarbeiterInnen zu MillionärInnen. Beim Verkauf ihrer später gegründeten Firma Xansa (für 150 Millionen Pfund an die französische Steria-Gruppe), überschrieb sie ein Drittel der Firmenanteile ihren Angestellten. Obwohl sie im Jahr 2000 in den Top 15 der vermögendsten Frauen Englands rangierte und sich mittlerweile mit dem britischen Adelstitel Dame schmücken kann, lebt Shirley immer noch mit ihrem Mann in einer Wohnung eine Stunde westlich von London.

Ihr Einsatzwille für Gleichberechtigung ist ungebrochen. Auch heute, knapp 57 Jahre nach der Gründung ihres ersten Unternehmens, ist Shirley weltweit unterwegs, hält Vorträge und führt Interviews. Sie erzählt ihre Geschichte, um anderen Frauen zu zeigen, dass es sich lohnt, Risiken einzugehen und man auch mit geringen finanziellen Ressourcen viel erreichen kann.

Das könnte Sie auch interessieren
botMessage_toctoc_comments_9210