Souveräne Cloud-Architektur: Echtes Ausstiegsszenario statt Marketing-Versprechen

Kaum hat ein großer Cloud-Anbieter Schnupfen, ruft die LinkedIn- Community nach einer europäischen Cloud. Als wäre ein Server Rack in Brandenburg automatisch souverän, nur weil es auf europäischem Boden steht.
Mich stört nicht der Wunsch nach europäischen Anbietern. Im Gegenteil. Mehr europäische Rechenleistung, Software und Fachwissen sind bitter nötig. Mich stört diese scheinbar magische Gleichung:
Europäischer Anbieter + deutsches Rechenzentrum + DSGVO-Aufkleber = Souveränität
Ein Anbieter kann seinen Hauptsitz in Gütersloh, Paris oder auf Borkum haben und mich trotzdem dermaßen an seine Plattform binden, dass ein Umzug ungefähr so realistisch ist, als würde Stuttgart 21 pünktlich fertiggestellt werden. Souveränität entsteht nicht dadurch, dass ich den Anbieter wechsle. Souveränität entsteht, wenn ich jederzeit wechseln kann.
Das Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung, kurz ZenDiS, beschreibt digitale Souveränität als Fähigkeit, digitale Infrastrukturen selbstbestimmt zu gestalten, zu betreiben und weiterzuentwickeln – ohne Kontrollverlust durch Abhängigkeiten von Anbietern oder Drittstaaten. Dazu gehören rechtliche, technologische und operative Kontrolle sowie Transparenz und Wechselfähigkeit. Ein Standortversprechen allein reicht nicht.
Alles andere ist Beiwerk: die Flagge am Rechenzentrum, die Farbe des Anbieterlogos – und der nächste „Sovereign"-Tarif mit 47 Seiten Leistungsbeschreibung, den mir der Vertrieb zusammen mit einem erwarteten Mindestumsatz bis 2038 auf den Tisch legt.
- Souverän ist nicht, wer den richtigen Anbieter gewählt hat
- Wie wir uns selbst in diese Lage gebracht haben
- Jetzt aber Container, dann sind wir souverän?
- Der große Souveränitäts-Bauchladen von AWS, Microsoft und Google
- AWS European Sovereign Cloud
- Microsoft Sovereign Cloud
- Google Cloud und Thales
- Sind Cloudstacks jetzt deswegen souverän?
- CLOUD Act - Die Rechtslage
- FISA Section 702
- EU-US Data Privacy Framework
- Und dann kommt OVHcloud
- Der EU Data Act
- Wie eine souveräne Architektur tatsächlich aussieht (Skizze)
- Kein bestandener Ausstiegstest, keine Souveränität
- Nicht jeder proprietäre Dienst ist verboten
- Souveränität muss messbar werden
- Souveränitäts-Kompass von Sebastian Kister
- Der Münchner Score für Digitale Souveränität
- Fazit
- Quellen
Souverän ist nicht, wer den richtigen Anbieter gewählt hat
Souverän ist, wer handlungsfähig bleibt, wenn der Anbieter morgen:
- seine Preise verdoppelt,
- einen Dienst einstellt,
- die Programmierschnittstelle ändert,
- meinen Vertrag kündigt,
- von einem anderen Konzern gekauft wird,
- von einer Regierung unter Druck gesetzt wird
- oder schlicht für ein paar Stunden ausfällt.
Dabei geht es nicht um völlige Unabhängigkeit. Die gibt es nicht. Selbst mein eigener Rechner hängt an Prozessoren, Firmware, Lieferketten, Strom, Glasfaser, Betriebssystemen und Menschen, die hoffentlich wissen, an welcher Schraube sie gerade drehen.
Souveränität heißt also nicht, alles selbst zu bauen. Die Kunst ist, Abhängigkeiten zu kennen, zu begrenzen und die Anbieter austauschbar zu halten.
Die Wahl der passenden Cloud sollte sich am Schutzbedarf der Anwendung orientieren und nicht an Trends oder persönlichen Vorlieben. Europäische Anbieter, private Plattformen und stärker kontrollierte Varianten der großen Clouds sind hier natürlich legitime Bausteine, die ich bei der Planung meiner Architektur in Betracht ziehen sollte. Die Analogie der Bausteine trifft es hier jedoch sehr gut: Ich bin in der Verantwortung, mein Klemmsteinobjekt so zu bauen, dass es sich jederzeit wieder auseinandernehmen lässt und kritische Komponenten wechselbar sind.
Oder etwas direkter:
Ein Anbieter kann mir souveräne Bausteine verkaufen. Meine Souveränität verkauft er mir nicht. Die muss ich mir schon selbst bauen.
Wie wir uns selbst in diese Lage gebracht haben
Das übliche Vorgehen der vergangenen zehn Jahre war ungefähr dieses:
Schritt 1: „Liebes Team, hier ist die Kreditkarte. Geht mal in die Cloud. Aber flott!"
Schritt 2: „Oh, das ist teuer. Aber guck mal, diese proprietäre Datenbank ist billiger als unsere bisherige Lösung."
Schritt 3: „Wenn wir jetzt noch das herstellereigene Nachrichtensystem, die Identitätsverwaltung, die Überwachung, die KI-Plattform und 38 ereignisgesteuerte Funktionen dazunehmen, wird alles einfacher."
Schritt 4: „Der Anbieter hat die Preise erhöht, aber wir haben einen tollen Rahmenvertrag mit Mindestabnahme abgeschlossen, der uns die Preise für die nächsten fünf Jahre garantiert. Wir sind jetzt also sicher."
Schritt 5: „Warum können wir eigentlich nicht mehr wechseln?"
Meistens hat keiner eine Ausstiegsarchitektur gebaut. Der Architekturplan bestand aus drei Herstellerlogos und einem Pfeil mit der Beschriftung "Schnittstelle". Jede technische Abkürzung sah für sich genommen völlig vernünftig aus – bis aus der Summe dieser Abkürzungen ein goldener Käfig wurde. Dazu kam, dass die Organisation den Kompetenzaufbau konsequent vermieden hat. Serverlos, vollständig verwaltet, keine Betriebsverantwortung. Klingt super. Bis man feststellt, dass "serverlos" nur bedeutet, dass der Server jemand anderem gehört und dieser Jemand jetzt auch noch mein Betriebsmodell besitzt.
Jetzt aber Container, dann sind wir souverän?
Ein Teil der Lösung kann sein, möglichst wenig proprietäre Dienste zu nutzen und die notwendigen Anwendungen selbst in Containern zu verpacken. Klingt erstmal teuer und umständlich, über die Zeit sorgt der interne Kompetenzaufbau aber für mehr Unabhängigkeit, geringere Wechselkosten, mehr Kontrolle und tatsächlich auch Kostenersparnis, weil meine Mitarbeiter wissen, wie alles funktioniert. Leider ist es aber so, dass ein Container nur meine Anwendung verpackt. Er verpackt aber nicht automatisch Daten und Identitäten, Schlüssel, Netzwerktopologie, Lastverteilung, Ereignisse, Überwachungsdaten, Sicherungen (die hoffentlich nicht nur beim Anbieter liegen), DNS-Einträge und Zertifikate. Der Container ist ein toller Umzugskarton, der vieles erleichtert, aber noch nicht das Umzugsunternehmen.
Wenn ich meine Anwendung in ein OCI-Abbild packe, sie aber an DynamoDB, AWS Lambda, IAM, EventBridge, Secrets Manager und proprietäre Bedrock-Schnittstellen anbinde, habe ich keinen portablen Dienst gebaut. Ich habe AWS mit einer hübschen Schleife darum gebaut.
Dasselbe gilt natürlich für Azure und Google Cloud. Ein Kubernetes-Cluster allein hilft auch wenig, wenn die Anwendung fest an Azure Functions, Entra ID, Cosmos DB, Service Bus und Azure Monitor angebunden wurde. Dann kann ich zwar meine Pods umziehen. Nur funktionieren sie danach nicht mehr.
Containerisierung ist trotzdem ein guter Anfang. Anwendungen in selbst gebauten und reproduzierbaren Abbildern, standardisierte Laufzeitschnittstellen und deklarative Bereitstellung senken die Wechselkosten erheblich. Aber erst gemeinsam mit portablen Daten, offenen Protokollen, unabhängigen Identitäten und einem erfolgreich getesteten Ausstiegsweg wird daraus Souveränität.
Der große Souveränitäts-Bauchladen von AWS, Microsoft und Google
Die Hyperscaler haben verstanden, dass „Souveränität" kaufentscheidend wird. Also steht das Wort inzwischen ungefähr so oft in den Produktbeschreibungen wie früher „Cloud-native". Bevor ich die Fakten aufzähle, die offene Frage vorweg: Ob die organisatorische und technische Trennung das Risiko aus dem CLOUD Act tatsächlich beseitigt, hängt daran, ob eine US-Stelle noch „possession, custody or control" über die angefragten Daten begründen kann. Das lässt sich nicht per Werbebroschüre entscheiden und genau dieser Punkt bleibt bis zu einem echten Konfliktfall offen.
AWS European Sovereign Cloud
AWS betreibt eine auf physischer und logischer Ebene getrennte Cloud-Umgebung für Europa – die AWS European Sovereign Cloud. Eine erste Region ist in Brandenburg seit dem 15. Januar 2026 allgemein verfügbar. Nach Angaben von AWS sollen Kundendaten und dazugehörige Metadaten in der EU bleiben. Die Umgebung verfügt über eigene Identitäts-, Abrechnungs- und Namenssysteme und wird über europäische Gesellschaften nach deutschem Recht verwaltet. AWS spricht außerdem von einem Betrieb durch in der EU ansässiges Personal. Das ist deutlich mehr als ein neues Schild am Rechenzentrum. Es reduziert reale betriebliche Risiken und trennt Systeme, Personal, Metadaten und Verwaltungswege.
Microsoft Sovereign Cloud
Mehr Kontrolle bedeutet weniger Bequemlichkeit – wer das eine will, muss beim anderen Federn lassen. Bei Microsoft lässt sich dieser Zielkonflikt besonders gut an den eigenen Sovereign-Angeboten beobachten. Microsoft bietet mehrere Varianten seiner Microsoft Sovereign Cloud an. Die öffentliche Variante ergänzt die normale Azure-Infrastruktur um Mechanismen für Datenresidenz, die Überwachung von administrativen Zugriffen, externe Schlüsselverwaltung, vertrauliche Datenverarbeitung und zusätzliche Protokollierung. Daneben gibt es private beziehungsweise lokal betriebene Varianten sowie nationale Partnerangebote. Interessant ist, was Microsoft selbst dazu schreibt: Die lokalen und privaten Varianten liefern die stärksten Kontrollmöglichkeiten, weil dort Hardware, Software, Daten, Standort und Verwaltung stärker durch den Kunden oder einen ausgewählten Betreiber kontrolliert werden. Gleichzeitig bieten sie nicht denselben Funktionsumfang und dieselbe Skalierung wie die öffentliche Cloud. Das ist trotzdem nicht verkehrt: Externe Schlüsselverwaltung und die Kontrolle administrativer Zugriffe reduzieren reale Risiken.
Google Cloud und Thales
Das Google-Thales-Projekt zeigt auf der einen Seite einen Fortschritt – und auf der anderen Seite das Risiko, ihn als Endzustand zu verkaufen. Laut Berichten soll eine dedizierte Google-Cloud-Umgebung entstehen, deren lokaler Betrieb stärker von Google getrennt wird. Eine vollständig von Thales kontrollierte deutsche Gesellschaft soll Betrieb und Unterstützung auf dedizierter Infrastruktur übernehmen. Der lokale Betreiber soll Identitäten, Authentifizierung und kryptografische Vertrauensanker kontrollieren. Aktualisierungen müssen kontrolliert in die Umgebung übertragen werden. Google-Mitarbeiter sollen keinen direkten Zugriff auf Kundendaten erhalten. Das ist als Trennungsmodell deutlich ernstzunehmender als „unsere Server stehen jetzt auch in Frankfurt". Nur bleibt Google-Technologie eben Google-Technologie.
Sind Cloudstacks jetzt deswegen souverän?
Nein, grundsätzlich wird die Frage der Souveränität hier auch nur als ein Baustein der Architektur beantwortet. Wer seine Anwendung tief in Hyperscaler-eigenen Systeme einbaut, bleibt technisch von diesen abhängig. Das ist im Prinzip nicht falsch, solange diese Abhängigkeiten bewusst eingegangen werden und die Risiken bekannt sind.
CLOUD Act - Die Rechtslage
CLOUD Act, FISA 702 und DSGVO werden gern in einen Mixer geworfen, einmal kräftig durchgeschüttelt und anschließend als Rechtsgutachten auf LinkedIn serviert.
Der US-amerikanische "CLOUD Act" hat den "Stored Communications Act" abgelöst. Anbieter unter US-Gerichtsbarkeit müssen Daten, die sie kontrollieren ("possession, custody or control") herausgeben, unabhängig davon, ob diese Daten innerhalb oder außerhalb der USA liegen. Entscheidend ist also nicht nur der Speicherort, sondern ob der adressierte Anbieter tatsächlich Zugriff oder Kontrolle besitzt. Der CLOUD Act ist dabei kein magischer Knopf, mit dem irgendein Beamter morgens alle europäischen Kundendaten herunterlädt. Für den Zugriff auf Inhaltsdaten braucht es ein rechtliches Verfahren. Anbieter können Anordnungen unter bestimmten Bedingungen anfechten.
Das Problem ist trotzdem real: Die Pflicht nach US-Recht kann mit den Pflichten nach europäischem Recht kollidieren. Artikel 48 DSGVO sagt, dass eine Anordnung eines Drittstaats nicht allein deshalb in Europa anerkannt oder vollstreckt wird, weil ein dortiges Gericht oder eine dortige Behörde sie erlassen hat. Dafür braucht es grundsätzlich eine internationale Übereinkunft, wobei andere Übermittlungsgründe aus Kapitel V der DSGVO unberührt bleiben. Der Europäische Datenschutzausschuss stellt entsprechend klar: Solche Anordnungen gelten nicht automatisch.
Ohne passendes Abkommen kommen andere Rechtsgrundlagen nur ausnahmsweise und nach Prüfung des Einzelfalls in Betracht. Die Aussage "jede amerikanische Cloud ist illegal" ist damit genauso unseriös wie "EU-Region ausgewählt, Problem gelöst". Dennoch gibt es regelmäßig Anfragen von US-Behörden, die sich auf den CLOUD Act berufen.
FISA Section 702
FISA Section 702 ist ein weiteres US-amerikanisches Instrument. Es dient der Auslandsaufklärung und erlaubt die Überwachung von Nicht-US-Personen außerhalb der USA, ohne für jede Zielperson eine eigene richterliche Anordnung einzuholen. Die Kommunikation von US-Personen kann dabei mit erfasst und später durchsucht werden. Das zeigt, warum die Frage nach der Sicherheit von Daten nicht allein mit dem Standort des Rechenzentrums beantwortet werden kann.
EU-US Data Privacy Framework
Das EU-US Data Privacy Framework schafft eine Grundlage für bestimmte Datenübermittlungen in die USA. Es ist aber kein Ersatz für eine technische Risikobewertung und auch kein Architekturprinzip. Rechtliche Rahmenbedingungen ändern sich. Das haben Safe Harbor und Privacy Shield bereits vorgeführt. Wer eine auf zehn oder zwanzig Jahre ausgelegte Plattform ausschließlich darauf aufbaut, dass ein Angemessenheitsbeschluss bestehen bleibt, verwechselt eine Rechtsgrundlage mit einem Naturgesetz. Verträge und Angemessenheitsbeschlüsse sind relevant. Sie ersetzen trotzdem weder Datenminimierung noch Verschlüsselung, Schlüsselkontrolle oder einen Ausstiegsweg.
Und dann kommt OVHcloud
Wer jetzt denkt, mit einem französischen Anbieter sei die Rechtsfrage endgültig geklärt, sollte sich den Fall OVHcloud ansehen. In diesem Fall wurde OVHcloud von einem kanadischen Gericht zur Herausgabe von Daten verpflichtet, obwohl diese nicht zwingend in Kanada gespeichert waren. Der Fall liefert die Pointe gleich mit: Auch ein europäischer Anbieter schützt die Daten seiner Kunden nicht automatisch vor extraterritorialen Ansprüchen, wenn er weltweit tätig ist und sich anderen Rechtsordnungen unterwirft. Der Sitz des Anbieters ist wichtig. Seine Konzernstruktur ebenso, und weltweiten Niederlassungen machen das Bild nicht weniger komplex. Mein stärkster Schutz ist und bleibt deshalb eine Architektur, in der der Anbieter möglichst wenig Klartext besitzt, keine alleinige Schlüsselgewalt hat und austauschbar bleibt.
Der EU Data Act
Der EU Data Act enthält Vorgaben, die einen Wechsel zwischen Anbietern von Datenverarbeitungsdiensten erleichtern sollen. Technische, vertragliche und organisatorische Wechselhindernisse müssen abgebaut werden. Plattform- und Softwaredienste sollen Schnittstellen sowie Exporte in gängigen, maschinenlesbaren Formaten bereitstellen. Das klingt erstmal gut und wer in den vergangenen Jahren versucht hat, Daten aus einer Cloud zu exportieren, weiß, wie überfällig so eine Regelung ist. Nur erzeugt ein gesetzlicher Anspruch auf einen Wechsel noch keine auswechselbare Anwendung. Der Data Act migriert nicht meine Datenbank. Er baut keine Ereignisse aus EventBridge in Kafka und ersetzt keine proprietären Identitäten. Der Data Act gibt mir also immerhin ein gesetzliches Recht auf Wechsel. Ob ich wechseln kann, entscheidet weiterhin meine Architektur: Das Gesetz migriert weder meine Datenbank noch meine Ereignisse.
Wie eine souveräne Architektur tatsächlich aussieht (Skizze)
Betrachten wir eine Schadenplattform einer Versicherung. Sie verarbeitet Vertragsdaten, Bilder, Gutachten, Zahlungen und Kommunikation. Die Plattform soll bei Anbieter A laufen mit der Möglichkeit, innerhalb eines festgelegten Zeitfensters zu Anbieter B wechseln zu können. Nicht irgendwann, nicht "nach einem Transformationsprogramm", sondern getestet.
(Architektur-Ablaufdiagramm: Der Daten- und Steuerungsfluss ist zwischen Provider-unabhängigen Ebenen wie DNS, OpenID, KMS, GitOps und zwei parallel strukturierten Anbietern A und B aufgeteilt.)
Die Anwendung läuft in OCI-Containern auf Kubernetes. Dabei bleibt man möglichst bei den offenen Kubernetes-Schnittstellen. Anbieterspezifische Erweiterungen verschwinden nicht, sie werden aber in getrennten Infrastrukturmodulen gekapselt.
Für Anbieter A gibt es ein Modul, für Anbieter B ein anderes. Die Behauptung, dass dieselbe Infrastrukturdefinition unverändert mit jeder Cloud funktioniert, gehört nämlich ebenfalls ins Märchenbuch. Die Abbilder liegen in mindestens zwei Registrierungen. Der Quellcode, die Bereitstellungsdefinitionen und die Signaturen der Artefakte befinden sich nicht ausschließlich beim primären Anbieter.
Die Anwendungsdaten liegen in PostgreSQL. Diese Wahl macht Sinn, weil Protokoll, Datenformat, Sicherungsverfahren und Betriebswissen weit verbreitet sind. Wer einen verwalteten PostgreSQL-Dienst nutzt, prüft trotzdem Erweiterungen, Rollenmodelle, Sicherungsformate und Replikationsverfahren. "Spricht SQL" ist noch lange kein Portabilitätsnachweis.
Objekte wie Bilder und Dokumente werden über eine S3-kompatible Schnittstelle angesprochen und zwischen getrennten Speichern repliziert. Auch hier gilt: Die Schnittstelle allein genügt nicht. Versionierung, Aufbewahrungsregeln, Metadaten, Berechtigungen und Prüfsummen müssen mit umgezogen werden.
Für Ereignisse läuft Kafka oder RabbitMQ, etwa über einen Kubernetes-Operator. Alternativ kann ein verwalteter Dienst genutzt werden, solange das Domänenmodell nicht direkt von dessen proprietärer Ereignissemantik abhängt. Anbieteradapter übersetzen an der Schnittstelle. Sie gehören auf gar keinen Fall mitten in die Fachlogik. Die Identität hängt an OpenID Connect und liegt außerhalb beider Cloud-Konten. Die Verschlüsselungsschlüssel werden in einem eigenen oder von einer unabhängigen europäischen Stelle betriebenen HSM verwaltet. Ein mitgebrachter Schlüssel, den der Cloud-Anbieter im eigenen Schlüsselverwaltungsdienst jederzeit verwenden kann, ist besser als nichts, aber wirkliche Schlüsselgewalt sieht natürlich anders aus. Die Überwachung basiert auf den Open Source Tools OpenTelemetry, Prometheus und Grafana. Proprietäre Tools wie CloudWatch oder Azure Monitor dürfen dennoch verwendet werden.
Und ganz wichtig: Multi-Cloud heißt nicht, dass jede Anwendung dauerhaft auf zwei Plattformen aktiv laufen muss. Das verdoppelt Kosten, Komplexität und gelegentlich auch die Zahl der Fehler.
Für viele Systeme reicht ein vorbereiteter Zweitbetrieb mit replizierten Daten und regelmäßigem Wiederanlauf. Entscheidend sind klare Ziele für Wiederanlaufzeit, maximalen Datenverlust und vollständigen Ausstieg.
Kein bestandener Ausstiegstest, keine Souveränität
Ich würde für eine kritische Anwendung mindestens folgende Nachweise verlangen:
- Ein neues Zielkonto lässt sich aus Quellcode und Konfiguration heraus aufbauen.
- Anwendung, Daten, Metadaten, Berechtigungen und Protokolle lassen sich vollständig exportieren.
- Sicherungen werden regelmäßig außerhalb des primären Anbieters wiederhergestellt.
- Der alternative Betrieb funktioniert ohne Identitäts-, Schlüssel- oder DNS-Dienst des bisherigen Anbieters. · Es gibt einen klar benannten Verantwortlichen, ein Zeitfenster und ein Budget für den Ausstieg.
- Der Wechsel wird regelmäßig praktisch geübt.
Nicht jeder proprietäre Dienst ist verboten
Proprietäre Dienste sind in Ordnung, wenn die Abhängigkeit bewusst eingegangen wird. Der Nutzen muss höher sein als Wechselkosten und Risiko.
Dafür braucht jede Architekturentscheidung eine Einstufung:
Klasse: Portabel
Beispiele: OCI-Container, PostgreSQL, OpenID Connect, OpenTelemetry
Umgang: Frei verwenden, Wechsel regelmäßig testen
Klasse: Mit Anpassung wechselbar
Beispiele: Verwaltete Warteschlangen, Objektspeicher, Kubernetes-Dienste
Umgang: Anbieteradapter, Exportweg und Zielprodukt festlegen
Klasse: Tiefer Lock-in
Beispiele: Proprietäre Datenbanken, serverlose Ablaufmodelle, KI-Plattformen mit eigenen Datenformaten
Umgang: Nur nach bewusster Risikoentscheidung und mit finanziertem Ablöseplan.
Google Pub/Sub statt RabbitMQ oder Kafka kann richtig sein. Aber dann gehört der Preis für den Umbau mit in die Entscheidung.
Nutzt ihr Cloud SQL? Na gut. Dann testet den Export zu einem PostgreSQL außerhalb von Google.
Lambda statt OpenFaaS oder Knative? Das geht auch. Dann trennt Fachlogik vom Ausführungsmodell und haltet ein alternatives Laufzeitziel bereit.
Bei dem S3-Thema: Auch gut — prüft nicht nur den Dateiabruf, sondern Versionen, Metadaten, Sperren, Lebenszyklusregeln und den vollständigen Massenauszug.
Lock-in ist nicht automatisch schlecht, sondern nur die unbekannten Elemente dieser Lösung. Und der Lock-in, der anschließend als "strategische Partnerschaft" verkauft wird, verdient wenigstens ein ordentliches Augenrollen.
Souveränität muss messbar werden
Bauchgefühl ist keine Steuerungsgröße, daher müssen wir Souveränität messbar machen. Dazu gibt es diverse Tools, von denen ich drei vorstellen möchte.
Sovereign Cloud Compass
Der Sovereign Cloud Compass kann genutzt werden, um Cloud-Angebote anhand eines konkreten Anwendungsfalls zu vergleichen. Man gewichtet Kriterien, definiert Ausschlussbedingungen und behandelst fehlende Nachweise als Risiko. Betrachtet werden unter anderem Eigentum und Rechtsraum, Betriebsmodell, technische Kontrolle und Abhängigkeiten. Gut daran: Das Werkzeug ruft keinen pauschalen Gesamtsieger aus. Das Ergebnis ersetzt natürlich keine juristische oder technische Prüfung. Es zwingt dich aber dazu, deine Anforderungen aufzuschreiben, anstatt "souverän" einfach aus der Produktbeschreibung des Anbieters zu übernehmen.
Souveränitäts-Kompass von Sebastian Kister
Der Souveränitäts-Kompass von Sebastian Kister bewertet eine Infrastruktur entlang mehrerer technischer und organisatorischer Achsen. Ausgangssituation, vorhandene Maßnahmen und Risiken werden sichtbar gemacht. Die Bewertung hilft dabei, Schwächen bei Themen wie Schlüsselgewalt, Rechtsraum, Betriebsfähigkeit und Wechselmöglichkeit zu erkennen. Ein guter Mittelwert darf dabei keinen Totalschaden bei einer einzelnen Achse verdecken. Wenn ausschließlich der Anbieter meine Schlüssel kontrolliert oder niemand im Unternehmen die Plattform betreiben kann, hilft mir die tolle Punktzahl beim Datenexport nur begrenzt.
Der Münchner Score für Digitale Souveränität
Die Landeshauptstadt München misst die digitale Souveränität ihrer IT-Infrastruktur mit dem Score für Digitale Souveränität (SDS), einem 5-stufigen Bewertungsindex, der nach Vorbild des Nutri-Scores funktioniert. Entwickelt wurde das Instrument vom IT-Referat gemeinsam mit der Technischen Universität München (TUM) und wird seit September 2025 systematisch angewendet. Das SDS bewertet 194 kritische städtische Services anhand von vier Dimensionen: Vendor-Lock-in, Abhängigkeit von ausländischen Jurisdiktionen (wie dem US CLOUD Act), Verwendung von Open Standards sowie Einflussmöglichkeiten auf Betrieb und Daten. Die Ergebnisse zeigen, dass 74 Prozent des analysierten IT-Portfolios als digital souverän gelten, während etwa 21 Prozent auf dem kritischsten Niveau (SDS 5) liegen, was oft auf den Einsatz von US-Cloud-Diensten zurückzuführen ist.
Fazit
Ja, gerade bei den letzten Absätzen wird dem ein oder anderen durch den Kopf gegangen sein, dass souveräne Architektur Geld kostet. Sie braucht außerdem Leute, die Datenbanken, Netze, Container, Identitäten, Schlüssel und Wiederanlauf nicht nur aus Herstellerzertifizierungen kennen. Und ja, der erste Aufbau dauert länger als "Kreditkarte rein und los". Dafür kauft man sich eben keine theoretische Unabhängigkeit, sondern die Möglichkeit, morgen noch was zu sagen zu haben.
Wer diesen Preis nicht zahlen will, darf sich bewusst für den Komfort eines Hyperscalers entscheiden. Das ist eine legitime Geschäftsentscheidung. Dann sollte auf der Folie aber auch "bequeme, akzeptierte Anbieterabhängigkeit" stehen und nicht "digitale Souveränität". Die steckt nicht in einer Region, in keinem Zertifikat und schon gar nicht in einem Vertrag mit Mindestabnahme.
Souveränität ist die Fähigkeit, Nein zu sagen und zu gehen. Und wenn du diese Fähigkeit weder bauen, bezahlen noch regelmäßig testen willst, dann hör wenigstens auf, deinen fehlenden Ausstiegsplan als geopolitisches Schicksal zu verkaufen.
Cloud-Anbieter und deren Souveränitätsversprechen
- Amazon Web Services. (o. J.). AWS European Sovereign Cloud. Abgerufen am 18. September 2026, von https://www.aws.eu/de/
- Microsoft. (o. J.). Microsoft Sovereign Cloud. Abgerufen am 18. September 2026, von https://learn.microsoft.com/en-us/azure/azure-sovereign-clouds/microsoft-sovereign-cloud
- Heise Online. (2026, 19. Juni). Google Cloud: Souveräne Cloud in Deutschland bis Ende 2026. Abgerufen am 18. September 2026, von https://www.heise.de/news/Google-Cloud-Souveraene-Cloud-in-Deutschland-bis-Ende-2026-11338334.html
- Penner, A. (2026, 1. Februar). Digitale Souveränität im Cloud-Zeitalter. silicon.de. Abgerufen am 18. September 2026, von https://www.silicon.de/41722019/digitale-souveraenitaet-im-cloud-zeitalter
Recht, Datenschutz und internationale Zugriffe
- Pech, K., & Kirchberger, C. (2025, 8. Juli). FISA 702, CLOUD Act & Co.: US‑Überwachung killt jeden europäischen Datenschutz – was tun? IT-Finanzmagazin. Abgerufen am 18. September 2026, von https://www.it-finanzmagazin.de/fisa-702-cloud-act-us-ueberwachung-killt-europaeischen-datenschutz-229640/
- Heise Online. (2025, 26. November). Kanadisches Gericht: OVHcloud aus Frankreich muss Nutzerdaten herausgeben. Abgerufen am 18. September 2026, von https://www.heise.de/-11092029
- Europäisches Parlament & Rat der Europäischen Union. (2016). Verordnung (EU) 2016/679 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten (Datenschutz-Grundverordnung). Amtsblatt der Europäischen Union, L 119. Abgerufen am 18. September 2026, von https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2016/679/oj
- European Data Protection Board. (2025, 5. Juni). Guidelines 02/2024 on Article 48 GDPR (Version 2.1, finale Fassung). Abgerufen am 18. September 2026, von https://www.edpb.europa.eu/our-work-tools/our-documents/guidelines/guidelines-022024-article-48-gdpr_en
- United States Congress. (2018). S.2383 – CLOUD Act, 115th Congress. Abgerufen am 18. September 2026, von https://www.congress.gov/bill/115th-congress/senate-bill/2383
- Europäisches Parlament & Rat der Europäischen Union. (2023). Verordnung (EU) 2023/2854 über harmonisierte Vorschriften für einen fairen Datenzugang und eine faire Datennutzung (Datenverordnung/Data Act). Amtsblatt der Europäischen Union, L 2023/2854. Abgerufen am 18. September 2026, von https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2023/2854/oj
- Europäische Kommission. (o. J.). Data Act explained. Shaping Europe's Digital Future. Abgerufen am 18. September 2026, von https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/factpages/data-act-explained
Souveränitäts-Washing und Bewertungsmodelle
- ZenDiS – Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung. (o. J.). Wer wir sind. Abgerufen am 18. September 2026, von https://www.zendis.de/wer-wir-sind
- Künstler, D. (2025, 17. September). Digitale Souveränität: echtes Ziel oder leere Verpackung? connect-professional. Abgerufen am 18. September 2026, von https://www.connect-professional.de/markt/zendis-whitepaper-zum-souveraenitaets-washing-403748.html
- Heise Online. (2026, 3. Februar). München macht digitale Souveränität mit eigenem Score messbar. Abgerufen am 18. September 2026, von https://www.heise.de/news/Muenchen-macht-digitale-Souveraenitaet-mit-eigenem-Score-messbar-11164082.html
- Sovereign Cloud Compass. (o. J.). Sovereign Cloud Compass [Interaktives Bewertungstool]. Abgerufen am 18. September 2026, von https://www.sovereigncloudcompass.de/
- Kister, S. (o. J.). Keynote: Souveränitäts-Kompass. sebastiankister.de. Abgerufen am 18. September 2026, von https://sebastiankister.de/keynote/
Beiträge und Diskussionen auf LinkedIn
- de Lorenzi, P. (o. J.). Public vs. Private Cloud: Wo sollten eure... [LinkedIn-Beitrag]. LinkedIn. Abgerufen am 18. September 2026, von https://www.linkedin.com/posts/peter-de-lorenzi_public-vs-private-cloud-wo-sollten-eure-activity-7391368671090221057-7QMO/
- Körbächer, M. (o. J.). Sovereignty, Sovereign Cloud [LinkedIn-Beitrag]. LinkedIn. Abgerufen am 18. September 2026, von https://www.linkedin.com/posts/maxkoerbaecher_sovereignty-sovereigncloud-cloud-activity-7396484743191576577-TnPM/
- Hessel, S. (o. J.). Digitale Souveränität, CLOUD Act, Datenschutz [LinkedIn-Beitrag]. LinkedIn. Abgerufen am 18. September 2026, von https://www.linkedin.com/posts/stefan-hessel-itsec_digitalesouver%C3%A4nit%C3%A4t-cloudact-datenschutz-activity-7399445538649034753-7spp/
















