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Shahab Saffari 02. September 2026

Data Mesh: Wenn Autonomie zur Fragmentierung wird und was dagegen hilft

Die kritischsten Risiken von Data Mesh finden sich nicht im Architekturkonzept. Sie zeigen sich Monate später im Alltag: in Duplizierung, driftenden Definitionen und Auswertungen, die an Domänengrenzen scheitern – woran das liegt und was Organisationen tun können.

Data Mesh wird zunehmend von Organisationen eingeführt, die ihre Datenfähigkeiten skalieren wollen, ohne die zentralen Engpässe mitwachsen zu lassen. In vielen Kundenprojekten hat dieser Wandel genau das geliefert, was er versprach: klarere Verantwortlichkeiten, schnellere Lieferung und eine engere Verbindung zwischen Daten und Fachwissen. Gleichzeitig sind in sehr unterschiedlichen Organisationen ähnliche Probleme aufgetreten. Diese waren zunächst nicht offensichtlich und sie entstanden nicht durch schlechte technische Entscheidungen. Sie entwickelten sich später, in der alltäglichen Arbeit. Dieser Artikel will diese Muster sichtbar machen, sie mit der aktuellen Forschung verbinden und zeigen, was Organisationen tun können, sobald sie auftreten.

Data Mesh wird oft als technischer und organisatorischer Durchbruch für die Skalierung von Datenplattformen vorgestellt. Indem die Verantwortung für Daten in die Fachdomänen verlagert und Daten als Produkt behandelt werden, gewinnen Teams Autonomie, reduzieren Abhängigkeiten von zentralen Teams und können schneller auf Geschäftsanforderungen reagieren. Diese Ideen sind in "Data Mesh: Delivering Data-Driven Value at Scale" von Zhamak Dehghani klar formuliert, dem zentralen Referenzwerk für viele Organisationen, die dieses Modell einführen [1].

Viele Organisationen sehen bereits die Vorteile. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die kritischsten Herausforderungen von Data Mesh nicht in Architekturdiagrammen oder Plattformentscheidungen sichtbar werden. Sie zeigen sich darin, wie Teams zusammenarbeiten, wie Wissen zwischen Domänen fließt und wie die Organisation als Ganzes funktioniert.

Was Data Mesh verspricht

Um die Risiken einordnen zu können, lohnt ein kurzer Blick auf das Versprechen. Data Mesh beruht auf vier Prinzipien: domänenorientierte, dezentrale Datenverantwortung, Daten als Produkt, eine Self-Serve-Datenplattform und föderierte, automatisierte Governance [1]. Zusammen sollen sie ein Problem lösen, an dem zentrale Data Warehouses und Data Lakes regelmäßig scheitern: Ein zentrales Team wird zum Engpass, weil es jede fachliche Anforderung verstehen, priorisieren und umsetzen muss, während das eigentliche Fachwissen in den Domänen liegt.

Die Prinzipien sind bewusst als Paket gedacht. Dezentrale Verantwortung ohne Produktdenken erzeugt lediglich viele lokale Datensilos mit neuem Namen. Produktdenken ohne Plattform überfordert die Domänenteams mit Infrastrukturarbeit. Und beides zusammen – ohne föderierte Governance – führt zu inkompatiblen Datenprodukten. Genau diese Wechselwirkungen werden in der Praxis häufig unterschätzt: Organisationen übernehmen die Dezentralisierung schnell, die ausgleichenden Mechanismen dagegen langsam oder gar nicht. Die systematische Auswertung der Data-Mesh-Literatur zeigt, dass die Balance zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung als eine der schwierigsten Designentscheidungen des gesamten Ansatzes gilt [2].

Wenn Autonomie langsam zu Isolation wird

Ein Muster, das in Data-Mesh-Implementierungen wiederholt auftritt, ist die schleichende Isolation von Domänen. Teams werden innerhalb ihrer eigenen Grenzen hocheffektiv, verlieren aber zunehmend die Verbindung zum Rest der Organisation.

Ein konkretes Beispiel aus der Praxis verdeutlicht das. In einer Organisation baute ein Domänenteam ein internes Tool, um ein spezifisches operatives Problem zu lösen. Das Tool funktionierte gut und wurde Teil des Arbeitsalltags. Monate später stand eine andere Domäne vor einem sehr ähnlichen Problem. Statt die bestehende Lösung wiederzuverwenden oder zu erweitern, baute das zweite Team ein vergleichbares Tool von Grund auf neu. Es gab keine technische Einschränkung, die eine Wiederverwendung verhindert hätte. Das Problem war organisatorisch: Das erste Tool galt als "deren Lösung", war außerhalb der Domäne nicht dokumentiert und nie so positioniert, dass andere es sicher hätten übernehmen können. Mit der Zeit häuften sich solche Situationen und Duplizierung und Wartungsaufwand stiegen.

Dieses Ergebnis ist kein Einzelfall. Interviews aus der Industrie und Adoptionsstudien zeigen, dass Teams oft Schwierigkeiten haben, ein gemeinsames Verständnis davon zu bewahren, was Data Mesh in der Praxis bedeutet, insbesondere bei geteilter Semantik und bei der Frage, was ein "Datenprodukt" jenseits der eigenen Domäne darstellt [2, 3]. In der Folge werden lokal erfolgreiche Lösungen nicht zu organisationsweiten Assets.

Was als vernünftige lokale Optimierung beginnt, führt allmählich zu semantischer Fragmentierung: Zentrale Geschäftsbegriffe, Datenprodukte und Qualitätserwartungen driften auseinander, bis Teams mit denselben Begriffen nicht mehr dasselbe meinen.

Warum das Problem strukturell ist, nicht persönlich

Es liegt nahe, diese Schwierigkeiten als Kommunikationslücken oder mangelnde Kooperationsbereitschaft zu deuten. Die Forschung legt nahe, dass diese Erklärung zu kurz greift. Soziotechnische Studien zeigen: Wenn der Koordinationsbedarf der Arbeit nicht zu den vorhandenen Koordinationsmechanismen passt, sinkt die Leistung [4]. In Data-Mesh-Umgebungen sind domänenübergreifende Abhängigkeiten unvermeidbar, während Autonomie die zentrale Koordination bewusst reduziert.

Forschung zu datengetriebener Transformation zeigt zudem, dass diese Lücke über die Zeit durch kulturelle Fehlausrichtung und Veränderungsmüdigkeit wächst, was Bereitschaft und Kapazität für domänenübergreifende Abstimmung weiter verringert [5]. Data Mesh ist keine einmalige Initiative, sondern eine langlaufende Transformation, die Verantwortlichkeiten, Erwartungen und Entscheidungsgrenzen kontinuierlich verändert. Ohne aktive Verstärkung geteilter Verantwortung fallen Teams naturgemäß in lokale Optimierung zurück. Unter Lieferdruck ist dieses Verhalten rational.

Neuere Arbeiten zu dezentralen Informationssystemen bestätigen dieses Bild über Data Mesh hinaus: Dezentralisierung trägt nur, wenn sie mit bewusst gestalteten Koordinationsmechanismen gekoppelt wird [6]. Studien zu fragmentierter Governance in anderen Feldern zeigen dieselbe Dynamik: Ohne formale ausgleichende Mechanismen schwächt Fragmentierung die Koordination und verstärkt Asymmetrien zwischen den Beteiligten [7].

Frühe Warnsignale

Organisationen bemerken diese Probleme selten auf einen Schlag. Sie zeigen sich schrittweise. Die Zahl der Tools wächst, auch für ähnliche Anwendungsfälle. Erfolgreiche Muster bleiben lokal, statt sich zu verbreiten. Teams verwenden gemeinsame Begriffe wie "Datenprodukt", "Gold-Daten" oder "vertrauenswürdige Quelle", aber mit leicht unterschiedlicher Bedeutung.

Das Ergebnis ist zusätzlicher Übersetzungsaufwand in jeder domänenübergreifenden Analyse und mit der Zeit schwindendes Vertrauen; Blohm et al. benennen dies als zentrales Risiko für unternehmensweite Datenprodukte [8]. In Kombination mit laufendem organisatorischem Wandel sinkt die Bereitschaft, in Abstimmungsarbeit zu investieren, die keinen unmittelbaren lokalen Nutzen bringt. Jede Domäne erscheint für sich genommen weiterhin produktiv, aber die Organisation zahlt den Preis in Form von Duplizierung, langsamerem Onboarding und inkonsistenten Ergebnissen.

Für die Praxis lohnt es sich, diese Signale bewusst zu beobachten, etwa in regelmäßigen Architektur- oder Governance-Reviews: Wie viele Datenprodukte haben tatsächlich Konsumenten außerhalb der eigenen Domäne? Wie oft werden bestehende Produkte erweitert statt neue gebaut? Wie lange braucht ein neues Teammitglied, um domänenübergreifende Kennzahlen korrekt zu interpretieren? Solche Fragen machen Fragmentierung messbar, lange bevor sie in Projektverzögerungen oder widersprüchlichen Reports sichtbar wird. Zusammengenommen bilden diese Fragen eine einfache Frühwarn-Checkliste.

Die Ökonomie der Fragmentierung

Doch warum entsteht Fragmentierung und welche Gegenmaßnahmen wirken tatsächlich? Hinter diesen Symptomen steht ein ökonomisches Muster, das sich formal beschreiben lässt. Wiederverwendbare, domänenübergreifende Datenprodukte sind aus Sicht der Gesamtorganisation wertvoll, aus Sicht einer einzelnen Domäne aber teuer: Sie erfordern Dokumentation, stabile Schnittstellen, Support für fremde Nutzer und langfristige Wartung. Der Nutzen fällt größtenteils bei anderen an, die Kosten bleiben lokal. Unter dezentralen Anreizen investieren Domänen deshalb systematisch zu wenig in solche Produkte, ein Effekt, den Besanson als "Data Hydration Gap" modelliert [9].

Diese Perspektive erklärt, warum Appelle an Zusammenarbeit wenig bewirken. Die Unterinvestition ist kein kulturelles Versagen, sondern eine rationale Antwort auf die Anreizstruktur. Wer Fragmentierung verhindern will, muss deshalb an den Anreizen ansetzen: Wiederverwendung sichtbar machen, geteilte Assets in Planung und Zielvereinbarungen berücksichtigen und Plattform- oder Zentralbudgets für Produkte bereitstellen, deren Nutzen domänenübergreifend anfällt. Studien zu digitaler Transformation und Risikokultur bestätigen, dass falsch gesetzte Anreize Fragmentierung über die Zeit verstärken [5, 10].

Föderierte Governance als Gegengewicht

Wenn Unterinvestition und Drift die Diagnose sind, bietet die Data-Mesh-Literatur ein klares erstes Gegenmittel: föderierte, automatisierte Governance. Sie existiert genau deshalb, weil reine Dezentralisierung nachweislich zu inkompatiblen Datenprodukten, redundanter Entwicklung und übersehenen Compliance-Anforderungen führt [11]. Ein föderiertes Gremium aus Domänenvertretern, Plattformteam, Rechts- und Governance-Experten definiert die wenigen globalen Regeln, die Interoperabilität und Compliance sichern, während alle übrigen Entscheidungen in den Domänen bleiben [2].

Entscheidend ist dabei das Wort "automatisiert". Studien zeigen, dass Governance scheitert, wenn sie beratend oder informell bleibt [3]. Wirksame Governance lebt in Plattform und Pipelines, nicht in Richtliniendokumenten. Anforderungen werden dort durchgesetzt, wo die Arbeit stattfindet: Verpflichtende Data Contracts, automatisierte Qualitätsprüfungen und Ownership-Metadaten werden zu Voraussetzungen für ein Deployment. Durchsetzung heißt nicht zentrale Freigabe jeder Änderung; sie heißt, dass Abweichung technisch schwierig oder zumindest sofort sichtbar ist. Data Contracts spielen dabei eine wachsende Rolle: Sie formalisieren Rechte, Pflichten und Qualitätszusagen zwischen Produzenten und Konsumenten und machen Verstöße maschinell prüfbar [12].

In der Praxis bewährt sich ein einfacher Grundsatz: global so wenig wie möglich, aber verbindlich; lokal so viel wie möglich, aber transparent. Typische globale Festlegungen betreffen Schnittstellenstandards, Metadatenschemata, Identitäts- und Berechtigungsmanagement sowie den Umgang mit sensiblen Daten. Alles andere, von der Modellierung bis zur Technologiewahl innerhalb der Plattformleitplanken, bleibt Domänenentscheidung.

Eigentum und Verantwortung klären

Fragmentierung entsteht auch dort, wo Verantwortung unklar ist. "Domain Ownership" klingt eindeutig, ist es aber nicht. Fadler und Legner zeigen, dass in datengetriebenen Organisationen mindestens drei Eigentumsrollen unterschieden werden müssen: Verantwortung für die Daten selbst, für die Plattform und für die Datenprodukte [13]. Werden diese Rollen nicht explizit getrennt, entstehen genau die Grauzonen, in denen Fragmentierung wächst: Niemand fühlt sich für domänenübergreifende Belange zuständig, und jede Domäne interpretiert ihre Verantwortung so eng wie möglich.

In Data-Mesh-Kontexten heißt das konkret: Jedes Datenprodukt braucht einen benannten Product Owner mit fachlicher Verantwortung für Semantik, Qualität und Lebenszyklus. Die Plattform braucht ein eigenes Team mit Produktverantwortung für die geteilte Infrastruktur. Und für Konzern- oder Querschnittsdaten, die keiner einzelnen Domäne gehören, braucht es eine explizite Regelung, statt sie stillschweigend der Domäne zu überlassen, die sie zufällig zuerst produziert hat. Diese Klarheit ist unbequem, weil sie Zuständigkeitsfragen sichtbar macht, die vorher diffus bleiben konnten. Genau darin liegt aber ihr Wert.

Die Self-Serve-Plattform als Verbindungsschicht

Eine starke Self-Serve-Datenplattform ist einer der wirksamsten Hebel gegen Fragmentierung. Forschung und Praxis sind sich einig, dass Domänenautonomie am besten funktioniert, wenn Teams davon befreit sind, dieselben Grundlagen neu zu bauen, nicht wenn sie frei sind, sie unterschiedlich zu bauen [1, 2]. Van Eijk et al. haben die Architekturentscheidungen für solche Plattformen systematisiert und zeigen, dass sie weit mehr umfassen als Infrastruktur-Provisionierung: Datenkatalog, Lineage, Monitoring, Zugriffskontrolle und standardisierte Produkt-Templates gehören zum Kern [14].

In der Praxis bedeutet das, bewusst vorentschiedene Standardwege ("opinionated defaults") für Ingestion, Qualitätsprüfungen, Observability und Security anzubieten. Teams können diese Fähigkeiten erweitern oder anpassen, aber sie beginnen nicht bei null, was zufällige Divergenz reduziert und Wiederverwendung realistisch macht. Die Plattform übersetzt die gemeinsamen Standards so in funktionierende Software. Wer den Standardweg nutzt, ist automatisch konform, auffindbar und interoperabel. Governance wird vom Kontrollproblem zum Komfortmerkmal.

Wichtig ist, die Plattform selbst als Produkt zu führen, mit den Domänenteams als Kunden. Eine Plattform, die an den Bedürfnissen der Teams vorbei entwickelt wird, treibt diese zurück in den Eigenbau und beschleunigt damit genau die Fragmentierung, die sie verhindern soll.

Interoperabilität braucht geteilte Semantik

Wie bleiben autonome Domänen über Jahre im Gleichschritt? Mehrere Arbeiten identifizieren genau dies als die eigentlich offene operative Frage [11, 12]. Ihre Antwort ist unspektakulär: Metadaten, Verträge und Orchestrierung sind der Kitt, der ein verteiltes System zusammenhält.

Diesen Kitt zu pflegen ist kein einmaliges Glossarprojekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess mit klaren Mechanismen. Änderungen an geteilten Begriffen und Schnittstellen durchlaufen ein leichtgewichtiges, aber verbindliches Verfahren. Breaking Changes werden versioniert statt still eingeführt. Und der Katalog zeigt jederzeit, wer welche Produkte konsumiert, sodass die Auswirkungen einer Änderung sichtbar sind. Communities of Practice ergänzen diese Mechanismen auf der menschlichen Ebene. Organisationsforschung, etwa in "Team Topologies", zeigt, dass strukturierte Interaktion zwischen autonomen Teams Koordinationsaufwand senkt und Lernen beschleunigt [15]. Wirksame Communities arbeiten an konkreten Artefakten wie geteilten Bibliotheken, Referenzimplementierungen und Design Reviews, statt sich zum abstrakten Austausch zu treffen. Sie sind zudem das natürliche Forum, in dem Drift früh sichtbar wird, denn wer eine sich verschiebende Definition zuerst spürt, ist derjenige, der dagegen baut. Damit das funktioniert, muss Teilnahme als Teil der Lieferarbeit zählen, nicht als optionaler Zusatz. Beiträge zu geteilten Assets sollten in der Planung genauso sichtbar sein wie Feature-Arbeit.

Organisatorischer Wandel: Rollen, Fähigkeiten, Sponsoring

Die bisher beschriebenen Mechanismen greifen nur, wenn die Organisation den Wandel personell und kulturell trägt. Data Mesh verändert Rollenprofile grundlegend. Fachbereiche übernehmen Verantwortung für Datenqualität und Schnittstellen, die vorher beim zentralen Datenteam lag. Data Engineers werden von Pipeline-Bauern zu Plattformentwicklern. Hinzu kommt eine neue Rolle: der Data Product Owner, der fachliches Verständnis, Produktdenken und technisches Grundwissen verbindet. Die Literatur benennt genau diese Kompetenzlücken als eines der größten Adoptionshindernisse: Vielen Domänenteams fehlen zu Beginn die Fähigkeiten, ein Datenprodukt eigenverantwortlich zu betreiben [2, 3].

Für Organisationen, die Data Mesh einführen, ergeben sich daraus drei praktische Konsequenzen. Erstens braucht die Transformation ein realistisches Befähigungsprogramm: Schulungen, Pairing mit erfahrenen Teams und eine Übergangsphase, in der das Plattformteam Domänen aktiv begleitet, statt sie nur zu bedienen. Zweitens braucht sie sichtbares Sponsoring auf Führungsebene, denn die Umverteilung von Verantwortung erzeugt zwangsläufig Widerstände, die ein Architekturteam allein nicht auflösen kann. Drittens sollte die Einführung inkrementell erfolgen: mit wenigen, gut gewählten Pilotdomänen, deren Erfahrungen Plattform und Governance formen, bevor das Modell in die Breite geht. Studien zur Einführung in großen Organisationen bestätigen, dass erfolgreiche Transformationen genau diesem Muster folgen und mehrere Jahre umfassen [16].

Muster aus regulierten Branchen

Besonders aufschlussreich sind Erfahrungen aus stark regulierten Branchen. Untersuchungen zur Data-Mesh-Einführung in großen Organisationen und in Finanzunternehmen zeigen ein wiederkehrendes Muster: Domänenverantwortung beschleunigt die Lieferung, aber Auditierbarkeit, Compliance und konzernweites Reporting erzwingen stärkere zentrale Kontrollen, als das reine Lehrbuchmodell vorsieht [16, 17]. Banken und Versicherer behalten typischerweise zentrale Verantwortung für regulatorische Datenflüsse, Berechtigungskonzepte und kritische Referenzdaten, während Analytics- und Produktdaten dezentral geführt werden.

Diese Erfahrungen zeigen auch, dass die Einführung mehrjährig und kontextabhängig verläuft und häufig bewusst unvollständig bleibt: Viele Organisationen dezentralisieren nur ausgewählte Domänen und lassen andere Bereiche zentral [16]. Das ist kein Scheitern, sondern eine realistische Anpassung an unterschiedliche Reifegrade, Risikoprofile und regulatorische Anforderungen. Diese Muster nehmen vorweg, was die breitere Literatur inzwischen als reife Form von Data Mesh behandelt: bewusst hybrid, kein fauler Kompromiss. Wer Data Mesh als Alles-oder-nichts-Transformation plant, unterschätzt sowohl den Aufwand als auch die Legitimität solcher Zwischenzustände.

Hybride Zielbilder statt reiner Dezentralisierung

Aus all dem folgt eine wichtige Verschiebung im Verständnis von Data Mesh. Die neuere Literatur beschreibt den Ansatz nicht mehr primär als Dezentralisierungsmuster, sondern als Balanceakt zwischen Domänenautonomie und geteilten Koordinationsmechanismen [6, 11, 18]. Viele Organisationen stabilisieren sich in hybriden Formen: Plattform, Richtlinien und Querschnittsdaten bleiben zentral verantwortet, während semantische Hoheit und Produktlieferung in den Domänen liegen [18]. Solche Hub-and-Spoke-Modelle widersprechen nicht der Idee von Data Mesh; sie vervollständigen sie.

Die offene Frage lautet damit nicht, ob dezentralisiert werden soll, sondern wie viel Dezentralisierung eine Organisation tragen kann, bevor Interoperabilität, Verantwortlichkeit und Wiederverwendung erodieren [9, 11]. Die Antwort hängt von Regulierung, Datenreife, Teamgröße und der Investitionsbereitschaft in Plattform und Governance ab. Ein belastbares Zielbild benennt deshalb explizit, welche Entscheidungen und Fähigkeiten global, welche föderiert und welche lokal angesiedelt sind, und überprüft diese Zuordnung regelmäßig (siehe Abbildung 1).

Fazit

Data Mesh zielt auf reale Skalierungsprobleme, an denen zentralisierte Datenplattformen scheitern. Gleichzeitig verlagert Dezentralisierung das Risiko weg von der Technologie und hin zu Koordination und Kultur. Die Frage ist nicht, ob diese Risiken existieren, sondern ob sie früh genug erkannt werden, um ihnen bewusst zu begegnen.

Data Mesh funktioniert am besten, wenn Autonomie durch Strukturen ausbalanciert wird, die Ausrichtung unterstützen: eine Plattform, die den Standardweg zum einfachsten Weg macht, Governance, die in Tools statt in Dokumenten lebt, geklärte Eigentumsrollen, Anreize, die Wiederverwendung belohnen, und geteilte Definitionen, die aktiv gepflegt werden. Werden diese Elemente als gleichrangige Designaufgaben behandelt, kann Domänenverantwortung skalieren, ohne die Organisation zu fragmentieren. Forschung und Erfahrung zeigen beide, dass diese Balance schwierig, aber erreichbar ist.

Zentrale Erkenntnisse

  • Fragmentierung ist strukturell, nicht persönlich: Wenn domänenübergreifende Abhängigkeiten die vorhandenen Koordinationsmechanismen übersteigen, folgen Drift und Duplizierung unabhängig vom guten Willen.
  • Die Frühwarnsignale sind beobachtbar: wenige Datenprodukte mit Konsumenten außerhalb der eigenen Domäne, neu gebaute statt erweiterte Lösungen und gemeinsame Begriffe, deren Bedeutung je Team variiert.
  • Anreize entscheiden über Wiederverwendung: Domänen investieren zu wenig in geteilte Datenprodukte, solange die Kosten lokal bleiben und der Nutzen woanders anfällt; Planung und Budgets müssen Wiederverwendung deshalb explizit belohnen.
  • Governance muss automatisiert sein: Regeln, die in Contracts, Pipelines und Deployment-Prüfungen leben, werden befolgt; Regeln, die nur in Dokumenten stehen, nicht.
  • Reifes Data Mesh ist meist hybrid: Plattform, Richtlinien und Querschnittsdaten bleiben zentral, während semantische Hoheit und Produktlieferung in den Domänen liegen.
Quellen
  1. Dehghani, Z. (2022). Data Mesh: Delivering data-driven value at scale. O'Reilly Media. https://www.oreilly.com/library/view/data-mesh/9781492092384/ (abgerufen am 20.08.2026)
  2. Goedegebuure, A., Kumara, I., Driessen, S., Van Den Heuvel, W.-J., Monsieur, G., Tamburri, D. A., & Di Nucci, D. (2025). Data mesh: A systematic gray literature review. ACM Computing Surveys, 57(1), Artikel 11. https://doi.org/10.1145/3687301 (abgerufen am 20.08.2026)
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  5. Ghafoori, A., Gupta, M., Merhi, M. I., Gupta, S., & Shore, A. P. (2024). Toward the role of organizational culture in data-driven digital transformation. International Journal of Production Economics, 271, Artikel 109205. https://doi.org/10.1016/j.ijpe.2024.109205 (abgerufen am 20.08.2026)
  6. Sunyaev, A., Avital, M., & Lacity, M. C. (2026). From ideology to design: Toward purposeful decentralization of information systems governance. Journal of Information Technology, 41(1), 2–14. https://doi.org/10.1177/02683962261430919 (abgerufen am 20.08.2026)
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  8. Blohm, I., Wortmann, F., Legner, C., & Köbler, F. (2024). Data products, data mesh, and data fabric. Business & Information Systems Engineering, 66(5), 643–652. https://doi.org/10.1007/s12599-024-00876-5 (abgerufen am 20.08.2026)
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  14. Van Eijk, T., Kumara, I., Di Nucci, D., Tamburri, D. A., & Van Den Heuvel, W.-J. (2024). Architectural design decisions for self-serve data platforms in data meshes. In 2024 IEEE 21st International Conference on Software Architecture (ICSA) (S. 135–145). IEEE. https://doi.org/10.1109/ICSA59870.2024.00021 (abgerufen am 20.08.2026)
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