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Martina Diel 01. Dezember 2014

Informatik Aktuell im Gespräch mit Martina Diel

Martina Diel ist Autorin des IT-Karrierehandbuchs, das aktuell in der 4. Auflage im O'Reilly-Verlag erschienen ist. Seit den 1990er Jahre ist sie als Consultant, Projektleiterin und Projektmanagerin vorwiegend in Banken tätig, seit Mitte der 2000er Jahre als Freelancer. Sie ist Coach rund um Bewerbung und Beruf in der IT-Branche und verrät uns, wie man mit Kapuzenpulli und Turnschuhen möglichst gut verdient und worauf bei Gehaltsverhandlungen zu achten ist.

Informatik Aktuell: Liebe Martina, ich falle mal direkt mit der Tür ins Haus: Ich suche einen Job in der IT, in dem ich meine Turnschuhe älteren Datums und meinen Kapuzenpulli tragen kann, nette Kollegen habe und gut bis sehr gut verdiene. Wie finde ich den?

Martina Diel: Das ist eine gute Frage. Wie immer führt nicht nur ein Weg zum Ziel. Der klassische für Gründliche und Fleißige: Frag Deine Freunde und Bekannten. Schau, wie die Leute sich präsentieren, die sich in LinkedIn als Mitarbeiter von Firma X präsentieren. Achte darauf, was die Leute tragen, mit denen Du in einem Vorstellungsgespräch redest. Der unorthodoxe, für Faule, aber Geniale: Werde gut. Werde richtig gut. Werde ein Guru. Und sorge dafür, dass es auch entfernte Bekannte von denen wissen, die es beurteilen können. Kurz: werde Sascha Lobo, aber mit Ahnung. Dann kannst Du herumlaufen wie Du willst, es wird als Beweis Deiner Genialität gesehen. Und dass man Dich (wenn Du Freelancer bist) engagiert oder als Angestellten dauerhaft binden kann (wenn Du es mit der Selbständigkeit nicht so hast), gibt einem das angenehme Gefühl, selbst auch ein bisschen hip oder zumindest total weltoffen zu sein. Du wirst also heiß begehrt sein, so als Sahnehäubchen oben auf dem Hoody drauf. (lacht)

Informatik Aktuell: Da wir gerade bei Angestellten und Freelancern sind: Welche Voraussetzungen sollte man denn erfüllen, um als Freelancer arbeiten zu können? Gibt es die typische Freelancer-Persönlichkeit?

Martina Diel: Oh, dazu gibt es einiges zu sagen. Ich versuch's mal mit dem Wesentlichen: Jeder macht Fehler, bei allem, vor allem am Anfang. Das ist im Job nicht anders. Wer als "Rookie" in der Arbeitswelt als Angestellter gestartet ist, hat etwas mehr Welpenschutz. Nach ein paar Jahren Berufserfahrung hat man das Gröbste hinter sich und das glauben einem auch die Kunden dann eher, die ja die eigenen Dienstleistungen kaufen sollen.
Zum anderen ist es nützlich, ein wenig extrovertiert zu sein oder jedenfalls die Fähigkeit abrufen zu können, mit anderen Menschen angemessen und für alle Beteiligten schmerzfrei zu interagieren.
Tja und sonst? Ein bisschen Risikobereitschaft, Anpackenkönnen. Und naja, es wäre schon auch gut, wenn man sein Fach versteht.

Informatik Aktuell: Dass man von seinem Fach etwas versteht, ist als Angestellter ja ebenfalls erforderlich. Inwieweit ist das denn bei Selbständigen mehr gefordert als bei Angestellten?

Martina Diel: Bei einem Angestellten hat man – wenn alles gutgeht – einen Chef, der mit einem Entwicklungsmöglichkeiten bespricht, man besucht Seminare, die Firma investiert in einen... (wie gesagt, das ist das Idealbild).
Bei einem Freelancer heißt es oft "Wir zahlen nicht so ein hohes Honorar, um Sie hier auch noch auszubilden". Da wird sehr schnell erwartet, dass man liefert. Der eigene Know-how-Aufbau ist die ureigene Angelegenheit. Also auch hier: Initiative ist gefragt.

Informatik Aktuell: Wo verdient man denn erfahrungsgemäß mehr: In einer Festanstellung oder als Selbständiger?

Martina Diel: Man muss schon sehr sorgfältig vorgehen, um das vergleichen zu können. Da lassen viele wichtige Faktoren außer acht und sehen nur: "boah, ein fünfstelliger Betrag auf dem Konto, jeden Monat, und mehr als ich kann der Freelancer da auch nicht". Es gibt gute Rechner im Netz, um das mal ordentlich aufzudröseln, welchem Nettogehalt welches Honorar entsprechen könnte [1].
Für Leute, die technisch arbeiten wollen, ist als Angestellte irgendwann Ende der Fahnenstange, echte Sprünge gehen dann nur noch, wenn man dann doch Projektleiter, Projektmanager (igitt: Manager!), Teamleiter werden will oder gar "was mit Vertrieb" zu machen bereit ist.
Da können Freelancer – natürlich immer nur, wenn sie a) sehr gut sind, b) sehr gut vernetzt sind und c) eine echte Nische haben – noch etwas mehr rauskitzeln.

Informatik Aktuell: Was rätst Du einem Angestellten, der gerne mehr verdienen möchte? Ist es besser mit dem aktuellen Unternehmen zu verhandeln oder die Stelle zu wechseln?

Martina Diel: Leider ist auch da die Antwort nicht so einfach. "Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande" bewahrheitet sich leider schon öfters. Andererseits heißt ein Wechsel nicht unbedingt, dass man automatisch mehr bekommt, jedenfalls, wenn man wieder einen ähnlichen Job macht. Es spricht sicher nichts dagegen, mit Personalberatern in Kontakt zu bleiben und sich auf dem Laufenden zu halten, was denn so der eigene Marktwert ist. Das hilft auch bei Verhandlungen im eigenen Haus – nicht um zu drohen, aber um selbstsicherer auftreten zu können.
Wichtig ist immer, dass man den eigenen Nutzen kennt, idealerweise auch in Euro und Cent. Es beeindruckt Vorgesetzte auch oft, wenn Informatiker wirtschaftlich denken können (lacht).
Tja, was ist das Fazit? Unabhängig vom Gehalt dürfte sich ein Wechsel auch aus anderen Gründen nach einigen Jahren schon lohnen, einfach um immer wieder grundlegend Neues zu lernen. Wenn man dann wechselt, ist natürlich  das Gehalt ein wichtiger Faktor – wenn auch meist nicht der allerwichtigste.
Und noch zum Kapuzenpulli: Wenn man aus der Pubertät 2.0 raus ist (sorry ;-)) lohnt es sich, doch schon mal zu überlegen, ob das wirklich "das" Kriterium ist. Man muss ja nicht gleich im Dreiteiler rumlaufen wie bei einer Privatbank.

Informatik Aktuell: (lacht) Dazu muss ich anmerken: Ich bin in der Pubertät 3.0. Nachdem ich einige Zeit einen Zwei-Teiler trug, bin ich jetzt wieder bei Turnschuhen und Kapuzenpulli. Aber nochmals zurück zum lieben Geld. Wie gehe ich denn am besten in die Gehaltsverhandlung? Wie bereite ich mich vor? Und welche Argumente sollte ich mitbringen?

Martina Diel: Eigentlich sollte man schon am Tag eins nach der Gehaltserhöhung die nächste vorbereiten. Die eigenen Erfolge immer fein mitloggen. Hauptargumente sind – sagte ich schon – immer der Nutzen für die Company, aber natürlich auch für den direkten Chef. Wenn es sein Ziel ist, Know-how im Bereich x aufzubauen und man hilft dabei, in dem man neue Leute an Bord holt, sich selbst in dem Bereich schlau macht – super. Wenn es sein Ziel ist, die Firma bekannter zu machen und man selbst geht Vorträge halten unter dem Label des Unternehmens – gibt das auch Punkte. Dem Chef helfen, seine Ziele zu erreichen, das geht natürlich nur, wenn man auch hinter diesen Zielen steht.
Und das ist auch das Wichtigste: die Wahl der Firma! Wenn man sich das richtige Umfeld ausgesucht hat, gleicht die Gehaltsverhandlung nicht einer komplizierten Drillingssteißgeburt! Da weiß man, wie wichtig langfristig zufriedene Mitarbeiter sind und dass sie das n-fache von dem beitragen können, was die Gehaltserhöhung kostet. Und ja, solche Firmen gibt es. Wirklich. Ich schwör's!

Informatik Aktuell: Stimmt, da kenne ich auch welche. Ist es eigentlich auch für angestellte ITler wichtig, Selbstmarketing zu betreiben? Oder kann man davon ausgehen, dass bei guter Leistung diese auch irgendwann gesehen und anerkannt wird?

Martina Diel: Also man sollte schon ein bisschen darauf achten, dass das, was man gut macht, auch gesehen und – wichtig! – auch verstanden wird.
Wenn die Entscheider einsehen, dass man da keine "goldenen Wasserhähne" irgendwo dran bastelt, weil man das so schön findet, sondern das wirklich Nutzen bringt, hat man in jeder Hinsicht gute Karten: man erhöht die eigene Glaubwürdigkeit, bekommt mehr Freiheit... und wenn man mit den eigenen Skills auch nach außen tritt, mal hier einen Artikel veröffentlicht, ein schönes Blog schreibt vielleicht, bei einem Open Source-Projekt mitarbeitet – dann kann es passieren, dass man sich irgendwann gar nicht mehr groß bewerben muss, wenn man wechseln will. Man streut dezent die Info, dass man darüber nachdenkt und die Angebote kommen. Manchmal gar keine schlechten. Das Idealbild ist natürlich, einer hört "IPv6" und denkt an "Benedikt".

Informatik Aktuell: Ja, stimmt. Ich sehe sofort sein Bild vor mir. IPv6: Der Mann mit dem Bart, der so unglaublich viel darüber weiß.

Martina Diel: Genau. Der ein Foto von sich im Taucheranzug in Xing hat. Soviel zum Thema Dresscode.

Informatik Aktuell: Das heißt, ungewöhnliche Auftritte sind nicht zwingend schlecht? Heute schauen ja viele Arbeit- und Auftraggeber gerne mal in Social Media-Auftritten.

Martina Diel: Ungewöhnliche Auftritte sind natürlich nicht schlecht, wenn was dahintersteckt und man nicht einfach nur "post". Ganz im Gegenteil: Man muss die Eitelkeit der Leute bedenken: wer einen echten Guru engagiert, der aussieht wie – wie hieß er noch... ah, das Gedächtnis – Wau Holland, zeigt der nicht, dass er echt offen ist, nicht oberflächlich, in einer coolen Firma arbeitet?
Und wenn wir mal auf die andere Seite gucken: Der Michael Grote sieht auch ungewöhnlich aus, vor allem für das, was er macht: Professor an einer privaten Elite-Uni für den Banker-Nachwuchs [2].

Informatik Aktuell: Stimmt. Prof. Dr. Michael H. Grote ist Vizepräsident für Akademische Angelegenheiten der Frankfurt School of Finance & Management.

Martina Diel: … und seine Dreadlocks reichen bis in die Kniekehlen. Und irgendwann wird er Bundesbank-Präsident... (lacht).

Informatik Aktuell: Wird das nicht von manchen als Widerspruch aufgefasst? Dreadlocks, die ja auch eine nicht ganz unpolitische Geschichte haben, und seine Tätigkeit?

Martina Diel: Klar. Kaum ein Artikel, in dem das nicht erwähnt wird. Selbstverständlich ist das noch nicht. Aber die Welt wird bunter. Viele mögen das anders sehen, aber ich sehe nicht mehr die klaren Fronten. Vielleicht ist das auch was ganz Subjektives.

Informatik Aktuell: Wo kann man Dich denn in nächster Zeit hören oder sehen? Und was bringt Dein IT-Karrierehandbuch in der nächsten Auflage?

Martina Diel: Das ist noch nicht klar. Das Buch verkauft sich gut, aber der Verlag und ich haben den Ehrgeiz, mit jeder Auflage etwas Neues zu bringen: Das war mal das Kapitel über Selbstmarketing im Web 2.0, dann Interviews zum Thema "Arbeiten im Ausland". Aber derzeit fehlt eine zündende Idee für ein weiteres neues Element. Insofern: Der Verlag oder auch ich selbst freuen uns auf Anregungen: Was fehlt noch? Worüber würdet Ihr gerne was lesen? Was ist bisher zu knapp abgehandelt? Und dann gibt es auch eine 5. Auflage.

Informatik Aktuell: Jetzt die wirklich allerletzte Frage: Sieht oder hört man Dich eigentlich auch irgendwo? Beispielsweise beim FFG?

Martina Diel:
Klar, ich halte immer wieder Vorträge und das FFG ist so ein bisschen die "Leib- und Magenveranstaltung" geworden. Ob ich demnächst in Stuttgart dabei bin, ist aber noch nicht klar.

Informatik Aktuell: Martina, dann herzlichen Dank für das Gespräch und Deine Zeit.

Martina Diel: Gerne, hat Spaß gemacht.

Das Gespräch führte Andrea Held.

Quellen

[1] Guru20
[2] FAZ.net

Autorin

Martina Diel

Martina Diel ist als Consultant, Projektleiterin und Projektmanager tätig. 2006 gründete sie „Ziele-Wege-Perspektiven“ – Beratung und Coaching rund um Bewerbung und Beruf.
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