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28. Juli 2015

Die nächste DebConf steht vor der Tür – Dr. Martin Krafft im Interview

Die nächste DebConf findet vom 15. bis 22.08.2015 in Heidelberg statt. Das Wochenende vom 15./16.08. wird dabei so gestaltet, dass es für die breitere Bevölkerung interessant sein wird. Die DebConf ist eine jährlich stattfindende Konferenz, auf der sich Entwickler des Betriebssystems Debian treffen und über die zukünftigen Entwicklungen des Betriebssystems diskutieren. Neben Workshops und Vorträgen nutzen Entwickler die Möglichkeit, gemeinsam an der Software zu arbeiten. Seit der DebConf 2003 in Oslo wurde dies noch durch das DebCamp verstärkt, in dem Räumlichkeiten und Infrastruktur zur Verfügung gestellt werden.

Noch steht kein Programm, das wird bei der DebConf traditionell immer erst kurzfristig entwickelt statt monatelang im voraus geplant. Aber neben aktuellen Themen rund um Debian wird sich die Konferenz am Rande mit den Herausforderungen rund um Kryptographie und Freiheit im Internet befassen, wie auch mit dem gesamten Themenbereich Cloud und der wichtigen Rolle, die die Freie Software hier spielen muss, um nicht in die gleiche Abhängigkeitsfalle im Internet zu tappen, wie es in den 80er/90er/00er-Jahren auf dem Desktop der Fall war. Informatik Aktuell sprach mit Dr. Martin Krafft, einem der Organisatoren der Konferenz.

Informatik Aktuell: Die nächste DebConf findet vom 15. bis 22. August in Heidelberg statt. Was erwartet die Teilnehmer/innen in diesem Jahr? Gibt es Schwerpunkte?

Dr. Martin Krafft: Wir haben am 25. April Debian "jessie" auf den Weg gebracht und befinden uns nun wieder am Anfang eines Release-Zyklus. Es ist daher davon auszugehen, dass die meisten Entwickler die Konferenz vorwiegend zur Planung der nächsten Version "stretch" nutzen und die Ziele hierfür definieren werden.

Außerdem werden wir uns – wie jedes Jahr, ohne dass es einer Planung bedarf oder dies verhindert werden könnte – mit den Werten unseres Projekts beschäftigen, vor den Herausforderungen der heutigen Zeit. Es ist bemerkenswert, welcher Anteil der Cloud-Anbieter auf Debian setzen und welcher Stellenwert der "Wolke" heutzutage zugesprochen wird. Es ist daher auch unsere Aufgabe, unseren Teil für offene Standards und sichere Kommunikation beizutragen.

Ein großer Teil der Konferenz wird auch darin bestehen, Freundschaften zu pflegen und gemeinsame Ideen zu entwickeln. Um dies zu ermöglichen, versuchen wir als Organisatoren unseren Teilnehmern möglichst viele Freiräume zu schaffen, also z. B. frei-nutzbare Besprechungsräume, Freizeitprogramm und entspannte Tagespläne, die genug Platz lassen für Zusammenarbeit und Geselligkeit.

Die Liste der Vorträge liegt nun bereit [8], am Programm wird fieberhaft gearbeitet.

Informatik Aktuell: Welche Themen stehen denn für Euch gerade im Umfeld der "Cloud" an?

Dr. Martin Krafft: Die "Cloud" besteht einerseits zum größten Teil aus Freier Software; andererseits finden Linux, GNU & Co. wohl mit Abstand die meiste Verwendung, das hat sogar Microsoft erkannt. Und dennoch – oder gerade deswegen – versuchen die Anbieter auf anderem Weg, Abhängigkeiten zu erzeugen und die Kunden langfristig zu monetarisieren.

Dieser Trend ist gerade vor dem Hintergrund von Sicherheits- und Souvereignitätsthemen gefährlich. Stellt man z. B. eine Zusammenarbeit zwischen Anbieter X und den Geheimdiensten fest oder ist ein Anbieter Y gar in Industriespionage verwickelt, so ist es aufgrund dieser Abhängigkeiten für den Kunden meist mit extrem hohen Kosten verbunden, zu einem anderen Anbieter zu wechseln, ohne wirklich zu wissen, dass dort das Gras sprichwörtlich grüner ist.

Die Freie Software-Szene und Debian als einer der größten Protagonisten sind hier gefragt. Wir müssen unser System noch besser auf die "Cloud" ausrichten und müssen Standards setzen – in punkto Qualität, Transparenz und Sicherheit.

Der Benutzer verliert die Kontrolle – über Daten, Prozesse und seine Freiheit.

Wir (damit meine ich nicht nur Debian) haben die Software-Szene revolutioniert, aber die Szene hat sich weiterentwickelt. Vor dem Hintergrund schneller drehender Prozesse findet man immer mehr Kompromisse in Punkto Freiheit. Das Betriebssystem ist da nicht mehr hundertprozentig frei, den Computer kann man hier nicht mehr ohne Firmware betreiben, das Web besteht größtenteils aus proprietärem JavaScript und das was früher lokal installierte Programme oder Netzwerkanwendungen leisteten, wird heutzutage meist via Web Browser erbracht – von Servern in den USA.

Das ist bestimmt in vielerlei Hinsicht superpraktisch, aber es bedeutet eben auch, dass der Benutzer die Kontrolle verliert – über seine Daten, seine Prozesse, seine Freiheit. Ich habe viel mit der Startup-Szene zu tun und finde es zuweilen erschreckend, wie kurzfristig hier gedacht wird, wenn das gesamte Geschäftsmodell auf Google Docs aufgebaut wird. Meist werde ich dann belächelt. Wir werden ja sehen...

Es steht außer Zweifel, dass die Grundgedanke der "Cloud" vor dem Hintergrund von Energie- und Ressourceneffizienz wertvoll ist.

Debian war schon immer das System, das dem Nutzer die maximale Kontrolle und Freiheit eingeräumt hat. Etliche Systemadministratoren wissen das zu beschwören. Dank Ubuntu und vielerlei Fortschritt bei graphischen Oberflächen und der Standardisierung sind wir
mittlerweile auch auf dem Arbeitsplatz präsent. Nun gilt es, die nächste Ebene zu erreichen und unsere Werte in die Wolke zu tragen.

Ich könnte hier noch eine Weile weiter erzählen, aber ich beende den Monolog mal mit Verweis auf eine Präsentation von Stefano Zacchiroli auf der letztjährigen DebConf [1] und die dazugehörigen Folien [2].

Informatik Aktuell: Wie kann das aussehen? Diese Werte in die Wolke zu tragen?

Dr. Martin Krafft: Federated services! E-Mail ist da ein gutes Beispiel: das Protokoll ist standardisiert und jeder kann sich nun für etliche Server entscheiden und diese lokal oder fremd betreiben lassen. Gleiches gilt für das Lesen von E-Mail: Es ist egal, welches Programm von den Korrespondenten jeweils genutzt wird.

Solche Protokolle gibt es bereits, z. B. für Chat: XMPP ("Jabber") oder SIP (Telefonie) und auch Produkte in diese Richtung, z. B. pump.io für Microblogging und Diaspora für das Soziale Netzwerk. Auch sandstorm.io sei an dieser Stelle erwähnt, eine Plattform um einzelne Applikation in die Wolke zu heben, die dabei sehr stark auf die Werte und Technologie von Debian setzt.

Leider haben die Branchengrößen zwar einerseits auf diese Standard-Protokolle aufgebaut, jedoch dann die Protokolle wiederum absichtlich inkompatibel gemacht, um die Benutzer eben zu binden. Google Talk z. B. basiert auf XMPP, jedoch wurden hier Anstrengungen unternommen, um sicherzustellen, daß Google Talk-Benutzer nur noch untereinander und nicht mehr mit anderen XMPP-Servern sprechen können.

Das ist eine Entwicklung, die entgegen der Interessen der Benutzer läuft. Die Konzerne versuchen jedoch mit allen Mitteln, sich gegenseitig auszugrenzen, die Benutzer einzusperren, um letztendlich die Nutzer auch bei geringerem Qualitätsangebot nicht zu verlieren. Die Wahlfreiheit der Benutzer würde nämlich die Anbieter zur stetigen Verbesserung zwingen und die Interoperabilität auf Basis standardisierter Protokolle würde die Kommunikation mit jedem – unabhängig vom Anbieter auf der Gegenseite – ermöglichen.

Antifeatures: Es werden Schranken gebaut, statt Produkte zu verbessern!

Das Paradoxe ist, dass hier Geld in die Hand genommen wird, um Schranken zu bauen, statt Geld in die Verbesserung der Produkte zu investieren. Dies bezeichnet man im Jargon übrigens als "Antifeatures". Wir müssen es schaffen, die federated services besser zu machen und den einzelnen, wie auch den Dienstanbietern Gründe zu geben, auf Standards aufzubauen. Wir werden Google und Facebook nicht einfach umstimmen, aber wir können eine technisch bessere, innovativere, verteilte Lösung bieten und diese wird sich mit der Zeit durchsetzen.

Microsoft hat auch jahrelang versucht, mit skurrilen und idiotischen "Erweiterungen" in Outlook die Möglichkeit des E-Mail-Austauschs mit Anwendern von anderen Produkten einzuschränken. Damit sind sie letztendlich aber gescheitert, wenn auch leider noch nicht vollständig. So wird das auch mit den anderen Monopolisten laufen.

Informatik Aktuell: Was müssen Entwickler tun, die gerne an Debian mitarbeiten wollen? Wie gelingt es einem, ins Thema zu kommen und – vielleicht noch wichtiger – Anschluss zu anderen zu finden?

Dr. Martin Krafft: Die DebConf ist sicherlich eine super Gelegenheit, um sich umzusehen und eben möglicherweise den Anschluss zu anderen zu finden. Ich selbst arbeite zwar bereits seit ca. 1996 mit Debian, aber so richtig ging's für mich auch erst los, als ich es
2005 erstmals zur DebConf in Helsinki schaffte.

Ein interessierter Besucher der DebConf15 wird sicherlich viele Kontakte und Ansätze mitnehmen können. Gleichzeitig wäre es aber falsch zu erwarten, dass die Inhalte auf solche Besucher ausgerichtet werden, insbesondere nach dem ersten Wochenende. Die DebConf ist primär ein Arbeitstreffen bestehender Entwickler, aber natürlich freuen wir uns immer über neue Mitstreiter und brauchen auch immer neue Talente.

Debian ist eine klassische "Do-okratie", d. h. um mitzumachen sollte man einfach Hand anlegen. Das kann mit dem Erforschen von Fehlern in der Software die man selbst benutzt beginnen [3] oder über die aktive Teilnahme an Diskussionen auf benutzerorientierten Webseiten, denn beim Erklären lernt man ungemein viel. Wir brauchen aber genauso auch Grafiker, Leute die Dokumentation pflegen, Zusammenkünfte wie die DebConf organisieren, unsere Pressearbeit machen, etc. – die Liste ist eigentlich unendlich, denn bei Debian wird restlos alles von Freiwilligen erbracht und wir sind ein sehr komplexes Projekt.

Daher mein Tipp: Debian selbst nutzen, die debian-user- [4] oder debian-user-german [5] -Mailingliste abonnieren, mitlesen und dann einfach mal selbst in die Tasten greifen. Wer respektvoll auftritt und offensichtlich seine Hausaufgaben gemacht hat [6], der findet dort
eine Echtzeit-Gemeinschaft hilfsbereiter und dankbarer Menschen, auch wenn es ab und zu mal etwas rauher wird. Dabei lernt man viel und erkennt auch die Lücken und Themenbereiche, die Unterstützung brauchen könnten. Und irgendwann nehmen die Dinge dann ihren Lauf. Dann lernt man hoffentlich schnell, auch mal "nein" zu sagen.

Informatik Aktuell: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit der Konferenz [7]!

Die Fragen stellte Andrea Held.

Quellen
  1. Präsentation der letztjährigen DebConf (Stefano Zacchiroli)
  2. Folien der letztjährigen DebConf (Stefano Zacchiroli)
  3. Fehler in Software
  4. debian-user-Mailingliste
  5. debian-user-german-Mailingliste
  6. Smart Questions
  7. DebConf 15
  8. Liste der Vorträge DebConf 15
Im Interview

Dr. Martin Krafft

Dr. Martin Krafft ist Berater zu Linux & Netzwerksicherheit. Er ist Autor des Buches "Das Debian-System: Konzepte und Methoden" und... >> Weiterlesen
Buch des Autors:

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