Chemnitz: Deutschlands Leuchtturm der Schul-IT

Die Digitalisierung kommt in Deutschlands Schulen nur schleppend voran. Zwischen schlechten Internetverbindungen, fehlendem Equipment und überforderten Lehrkräften gibt es zahlreiche weitere Baustellen. Auch der DigitalPakt Schule hat daran wenig geändert, ab 2026 folgt nun der DigitalPakt 2.0. Dass es auch heute schon anders geht, zeigt Chemnitz: Das Schulrechenzentrum SyS-C kümmert sich mit einer ITSM-Software um die Schul-IT der gesamten Stadt – mit über 27.000 Usern.
- Digitalisierung und die Probleme an den Schulen
- Einsatz digitaler Medien an Schulen: Der internationale Vergleich
- Digitaler Schulbetrieb in Chemnitz
- Vom Start zum Neustart
- SyS-C: 27.000 User, 15.000 Endgeräte und über 4000 Tickets pro Jahr
- Entlastung für alle Beteiligten
- Nachhaltiges IT Service Management für die Schul-IT: Das strahlende Beispiel
Als es 2019 mit dem DigitalPakt Schule losging, waren die Erwartungen groß. "Es ist eine der großen Zukunftsaufgaben, die Schülerinnen und Schüler an den Schulen in Deutschland umfassend auf die Digitalisierung in allen Lebensbereichen vorzubereiten", schrieb die Kultusministerkonferenz zum Ziel des Programms. Endlich sollte die seit Jahren beklagte digitale Rückständigkeit deutscher Schulen behoben werden. Der Bund stellte für die Jahre 2019 bis 2024 fünf Milliarden Euro bereit, die Länder konnten weitere Mittel beisteuern. Dafür wurde sogar Artikel 104c im Grundgesetz geändert, weil die Bildungspolitik eigentlich Ländersache ist und eine Finanzierung durch den Bund nicht vorgesehen war.
Es war ein politisches Signal: Die Digitalisierung ist kein Randthema, sondern soll ein wichtiger Bestandteil der schulischen Bildung werden. Doch der Blick auf die Umsetzung fällt ernüchternd aus. Lange Zeit floss nur ein Bruchteil der bereitgestellten Gelder. Komplizierte Antragsverfahren, fehlende Konzepte in den Schulen und die zögerliche Haltung vieler Schulträger verzögerten den Start. Erst die Corona-Pandemie wirkte wie ein Katalysator, brachte zusätzliche Mittel und zwang Schulen über Nacht, digitale Wege für den Unterricht zu finden. Aus der Notlösung wurde trotzdem noch kein nachhaltiges System.
Heute zeigt sich: Viele Schulen haben zwar Endgeräte angeschafft und WLAN installiert, doch von einer flächendeckend funktionierenden digitalen Infrastruktur kann keine Rede sein. Die Förderungen in Milliardenhöhe sind nicht überall in eine zukunftstaugliche Infrastruktur geflossen. Vor allem fehlt es an dauerhaftem technischem Support und an der Verankerung digitaler Kompetenzen im Unterricht. Ein DigitalPakt 2.0 soll ab 2026 folgen, mit weiteren fünf Milliarden Euro, die je zur Hälfte von Bund und Ländern getragen werden.
Digitalisierung und die Probleme an den Schulen
Der Blick in die Praxis verdeutlicht die Probleme. Viele Schulen verfügen bis heute nicht über eine stabile Breitbandanbindung. In ländlichen Regionen kämpfen Lehrkräfte noch immer mit instabilen Leitungen oder völlig fehlendem WLAN. Zahlreiche Schulen besitzen zwar Tablets oder Laptops, doch die Geräte sind häufig nicht in allen Klassen verfügbar. Laut Studien haben lediglich 15 Prozent der Schulen Klassensätze an digitalen Endgeräten, während etwa zehn Prozent gar keine Computer zur Verfügung haben. Hinzu kommt: Wartung und Administration liegen oft in den Händen einzelner Lehrkräfte, die sich neben ihrem Unterricht um defekte Geräte oder Software Updates kümmern. Ein professioneller IT-Support, wie er in Unternehmen selbstverständlich ist, fehlt fast flächendeckend.
Schülerinnen und Schüler in Deutschland erwerben digitale Kompetenzen deshalb meist langsamer und oft weniger nachhaltig als ihre Altersgenossen in anderen Ländern. Die internationale Vergleichsstudie ICILS 2023 zeigt, dass rund 40 Prozent der Achtklässler hierzulande nur rudimentäre digitale Fähigkeiten besitzen. Im Jahr 2018 war es noch ein Drittel gewesen – die Entwicklung geht also rückwärts. Besonders auffällig ist die soziale Ungleichheit: Kinder aus bildungsstarken Haushalten schneiden deutlich besser ab als jene aus Familien mit geringem Bildungsstand. Der Abstand beträgt in Deutschland 57 Punkte, während er im internationalen Schnitt bei 41 Punkten liegt. Damit ist die Kluft zwischen privilegierten und benachteiligten Schülerinnen und Schülern hierzulande besonders groß.
Einsatz digitaler Medien an Schulen: Der internationale Vergleich
Auch auf Seiten der Lehrkräfte gibt es Defizite. Zwar hat die Pandemie die Bereitschaft erhöht, digitale Medien einzusetzen, doch die systematische Fortbildung bleibt lückenhaft. Nur etwas mehr als die Hälfte der Schulen berichtet, dass alle Lehrkräfte zumindest eine grundlegende digitale Schulung absolviert haben. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit zurück. In skandinavischen Ländern oder in Estland gilt die kontinuierliche Weiterbildung im digitalen Bereich längst als selbstverständlicher Teil des Berufs. In Deutschland bleibt sie oft freiwillig und wird im Alltag von anderen Belastungen überlagert. Auch beim DigitalPakt 2.0 wird es keine Fortbildungspflicht geben.
Wie groß der Rückstand ist, zeigen internationale Rankings. Bei speziellen Bildungsstudien belegt Deutschland teils hintere Plätze, etwa bei digitalen Lernplattformen oder der Lehrerfortbildung. Während Länder wie Südkorea seit Jahren flächendeckend mit digitalen Klassenzimmern arbeiten und Estland als Musterland der digitalen Verwaltung auch die Schulen konsequent vernetzt hat, bleibt Deutschland fragmentiert.
Die Kritik ist entsprechend deutlich. Bildungsforscherinnen und -forscher sprechen von einer "Großbaustelle" digitale Bildung. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz mahnt, dass die bisherigen Schritte nicht ausreichen, um Schülerinnen und Schüler auf die digitale Gesellschaft vorzubereiten. Auch das Deutsche Schulbarometer verweist darauf, dass Lehrkräfte die digitale Ausstattung zwar als verbessert wahrnehmen, aber gleichzeitig den Mangel an Zeit und Fortbildung als größtes Hindernis benennen.
Der erste DigitalPakt hat Bewegung gebracht, aber das Fundament ist längst nicht stabil. Wer sich international umsieht, erkennt: Andere Länder haben bereits gezeigt, dass digitale Schulbildung funktionieren kann – wenn sie konsequent geplant, finanziert und umgesetzt wird. Deutschland steht am Anfang eines langen Weges, den es bisher zu zögerlich beschritten hat.
Der kommende DigitalPakt 2.0 wird deshalb entscheidend sein. Er muss mehr leisten als die Anschaffung neuer Geräte. Gefragt sind eine nachhaltige Infrastruktur mit professionellem Support, eine klare Strategie zur Weiterbildung der Lehrkräfte und eine Pädagogik, die digitale und analoge Lernformen sinnvoll verbindet. Nur wenn es gelingt, diese Punkte zusammenzuführen, können die Schulen in Deutschland den Rückstand aufholen und zugleich eine digitale Bildung gestalten, die den Schülerinnen und Schülern echte Kompetenzen für ihre Zukunft vermittelt.
Digitaler Schulbetrieb in Chemnitz
Einen Weg, wie sich die Schulbildung auch heute schon digital gestalten lässt, zeigt die Stadt Chemnitz. Zusammen mit Dresden und Leipzig bildet die drittgrößte Stadt Sachsens seit Jahrzehnten den Hotspot des Silicon Saxony – also jenes Technologie-Dreiecks, in dem sich zahllose Soft- und Hardware-Unternehmen niedergelassen haben. Und auch bei der Digitalisierung der Schulen ist Chemnitz schon lange Vorreiter: Vor über 20 Jahren, 2004, ging es hier bereits mit dem Schulrechenzentrum los.
Entwickelt wurde es durch die TU Chemnitz, verschiedene Unternehmen sowie eine Arbeitsgemeinschaft aus Lehrern. Als eines von nur vier Projekten wurde es zu Beginn durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und den Europäischen Sozialfonds gefördert. Und 2009 erhielt die Stadt dafür sogar den Innovationspreis Public Private Partnership.
Die 'Systemlösung für die Schulen der Stadt Chemnitz', heute kurz SyS-C genannt, sollte vor allem dazu dienen, die stetig anwachsende Zahl an Technik an den kommunalen Schulen fachmännisch zu administrieren. Dabei waren vier Themen besonders wichtig: èine zentrale Verwaltung, eine einheitliche Supportkultur, die Vernetzung und Homogenisierung der Schul-IT und letztendlich die Entlastung der pädagogischen IT-Koordinatoren an den Schulen – die sogenannten PITKO.
Vom Start zum Neustart
Zu Beginn bestand das kleine SyS-C aus nur drei Personen. Doch trotz überschaubarer Mitarbeiterzahl gelang es dem Team, sämtliche Aufgaben und Themen zu managen. Dies änderte sich jedoch mit den Jahren – nicht nur die Anforderungen nahmen zu, auch die Zahl der zu betreuenden Schulen stieg ständig. Die Mitarbeiter entschieden sich deshalb dafür, eine unterstützende Lösung für ihre Arbeit einzuführen. Sie wollten damit die eingehenden Supportanfragen und auch die verschiedenen Aufgaben zur Neueinrichtung bei den Schulen effektiver angehen. Ein Ticketsystem schien dafür die ideale Lösung zu sein, und 2013 startete das Team schließlich mit der Open Source Software KIX. Die Mitarbeiter hatten bereits zuvor Erfahrungen mit OTRS, aber auch die lokale Nähe zum in Chemnitz ansässigen Hersteller war ein Pluspunkt.
Die Pläne von Sebastian Klost, dem Leiter des Schulrechenzentrums, und seinen Kollegen waren sehr ambitioniert – zu ambitioniert, wie sie schnell feststellen mussten. Sie wollten nicht nur Punkte wie den Endgerätesupport und die Infrastruktur einbeziehen, sondern beispielsweise auch die Planungen und Aufgaben, wenn es um Neu- und Ersatzausstattungen geht. Das Team wurde schließlich von der Realität eingeholt: Für die große Bandbreite an Aufgaben waren es einfach zu wenige Mitarbeiter.
Heute ist vor allem der IT-Administrator Michael Edler von der Planitz für das System verantwortlich. Er berichtet: "Wir hatten damals leider nicht die Kapazitäten, um unser System vernünftig zu pflegen und seine Möglichkeiten voll auszunutzen. Es einfach wieder aufgeben wollten wir aber auch nicht – uns allen war klar, wie hilfreich es sein kann." Das Ziel verloren er und seine Kollegen auch in den folgenden Jahren nicht aus den Augen: Trotz der ungünstigen Rahmenbedingungen wollten sie die Software von einem einfachen Ticketsystem zu einer vollwertigen ITSM-Lösung ausbauen.
Ab 2022 sollte dieses Vorhaben endlich gelingen. Das Team des Schulrechenzentrums wuchs auf nunmehr 15 Mitarbeiter an. Mit dem größeren Team, den damit einhergehenden Veränderungen in der Organisation und der weiterhin wachsenden Zahl an Schulen wollten Michael Edler von der Planitz und seine Kollegen einen Neustart wagen. Dabei wollten sie ihr Ticketsystem nicht nur aktualisieren, sondern auch so intensiv nutzen, wie es schon in den Jahren zuvor geplant war. Zugute kam ihnen, dass ungefähr zur selben Zeit auch die neueste Version ihrer Software erschienen war: "Die neue KIX-Version bot mit dem geänderten Design und weitreichenden Konfigurationsmöglichkeiten eine gute Option, alle unsere Supportaufgaben völlig neu aufzustellen."
SyS-C: 27.000 User, 15.000 Endgeräte und über 4000 Tickets pro Jahr
Die Umstellung auf bzw. Einarbeitung in die neue Version ging den Mitarbeitern des SyS-C spielend von der Hand – durch die vorhandenen Kenntnisse aus der Vorgängerversion war die Lernkurve nicht besonders steil. Nur wenige Wochen nach dem Wechsel beherrschten alle Kolleginnen und Kollegen das neue System.
Das Schulrechenzentrum Chemnitz betreut mit seiner Software heute 83 Schulen im gesamten Stadtgebiet. Dazu zählen 42 Grundschulen, 15 Oberschulen, 7 Gymnasien sowie 12 Förder- und 7 Berufsschulen. Zu den Usern gehören nicht nur die Schülerinnen und Schüler, sondern auch die Lehrkräfte und weitere Mitarbeiter in den Bildungseinrichtungen. Insgesamt kommen so über 27.000 Anwender zusammen. Und auch die Zahl der Endgeräte ist beeindruckend: Mehr als 6.000 Computer und 9.500 Tablets, 1.700 Apple TVs, 90 Mac Mini, 600 Server und rund 350 Drucker verwalten die Mitarbeiter des SyS-C. Hinzu kommen 2.400 Access Points und 500 Switches.
Daneben betreibt das Schulrechenzentrum in Kooperation mit dem bereits seit 100 Jahren existierenden Medienpädagogischen Zentrum Chemnitz einen Showroom. Er dient nicht nur für Schulungen und Testszenarien, sondern macht die Integration neuer Technologien schon vorab erlebbar. Und: Er unterstreicht die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den IT-Experten und den pädagogischen Fachkräften.
Entlastung für alle Beteiligten
Mit der ITSM-Lösung kommunizieren die Kolleginnen und Kollegen des Schulrechenzentrums vor allem mit Lehrkräften, PITKO und weiteren Mitarbeitern, wenn es Anliegen rund um Hard- und Software gibt. Daran zeigt sich: Während viele Lehrer in anderen Orten Deutschlands auf sich gestellt sind, bekommen die Pädagogen in Chemnitz professionellen Support von einer zentralen Anlaufstelle. Die Kommunikation bezieht aber auch Auftragnehmer mit ein, die etwa bei Ersatzausstattungen und Neueinrichtungen gebraucht werden. Darunter beispielsweise Bauunternehmen, Planungsbüros oder weitere IT-Unternehmen. Können die Mitarbeiter des SyS-C ein Problem nicht auf Anhieb lösen, etwa bei einem defekten Gerät, geht das Ticket direkt an den jeweiligen Herstellersupport.
Innerhalb kürzester Zeit haben alle Beteiligten den Support über das neue System angenommen, berichtet Michael Edler von der Planitz: "Die User können uns über verschiedene Wege erreichen, per Web, Telefon oder per Mail. Alle Planungen kommen in der ITSM-Lösung zusammen. Gleichzeitig konnten wir durch die Open Source-Möglichkeiten einen IT-Stack einbinden, beispielsweise mit Univention und Opsi. Das funktioniert einfach klasse."
Über 4000 Tickets bearbeiten die Mitarbeiter des SyS-C pro Jahr. Neben der Kommunikation mit allen Partnerinnen und Partnern ist dabei auch die komplette Dokumentation in der ITSM-Software möglich. Bei Störungen in einer Software oder defekter Technik können die Mitarbeiter jederzeit alle Schritte und den Fortschritt verfolgen. "Besonders hilfreich ist auch, dass eine Team-Aufteilung möglich ist. So können wir Tickets und ankommende Aufgaben sehr viel effizienter bearbeiten, auch über Teamgrenzen hinweg", sagt Michael Edler von der Planitz.
Effizienter und vor allem transparenter ist auch die Arbeit der PITKO geworden. Sie können das Self Service Portal nutzen und darüber zu jeder Zeit den Stand ihres Anliegens verfolgen, was ihnen eine bessere Übersicht ermöglicht. Und ein positiver Effekt für das SyS-C ist, dass sich die Nachfragen und Meldungen per Mail dadurch bereits spürbar reduzieren ließen.
Nachhaltiges IT Service Management für die Schul-IT: Das strahlende Beispiel
Diesen Trend möchte das SyS-C auch in den kommenden Jahren fortsetzen und intensivieren. Um die Meldungen per Mail noch weiter zu reduzieren, möchten die Mitarbeiter das Self Service Portal als zentrale Schnittstelle zwischen Usern und Support weiter ausbauen.
Die Pläne des Teams gehen aber noch weiter. So soll in Zukunft auch das Assetmanagement aufgebaut werden, mit der IT Service Management Software als zentrale CMDB. Darüber hinaus möchten die Mitarbeiter Prozessabläufe erstellen, um mehr Ordnung und Struktur in bestimmte Vorgänge zu bringen. Darunter etwa das On- und Offboarding von Pädagogen, Schadensmeldungen an Geräten oder bei Garantiefällen. Im SyS-C gibt es auch Überlegungen, weitere Dienste und Verwaltungseinheiten der Stadt zu integrieren, um die Kooperation über verschiedene Bereiche hinweg zu erleichtern.
Für Michael Edler von der Planitz ist die Reise noch lange nicht zu Ende: "Wir waren auf der Suche nach einem System mit unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten, Assetmanagement, FAQs und der Bereitstellung von Kennzahlen. All das haben wir mit unserer Lösung gefunden, deswegen freue ich mich schon darauf, das System noch intensiver zu nutzen." Das SyS-C zeigt aber bereits jetzt, wie es mit der Digitalisierung der deutschen Schulen funktionieren kann – mit einem nachhaltigen Konzept, unterstützender Software und einem effizienten Support für alle User.














