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Alexander Appel 14. Oktober 2026

Kreislaufwirtschaft beschleunigen – mit IT als Enabler

Die Umwelt entlasten, das Marktwachstum steigern, resilienter und souveräner werden: Die Kreislaufwirtschaft hat viel Potenzial und wird für die Industrie strategisch immer relevanter. Wer auf bestimmte grüne zirkuläre Wachstumsmärkte setzt und Digitalisierung als Katalysator konsequent vorantreibt, kann heute schon profitieren.

Im September hat das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, UNEP, seinen neuen Bericht "Limiting Overshoot" veröffentlicht und mit ihm die Botschaft, dass die 1,5-Grad-Grenze absehbar überschritten wird und dringender Handlungsbedarf besteht. Zu den wichtigsten Gegenmaßnahmen gehört weiterhin, den Treibhausgasausstoß zu minimieren und bereits ausgestoßene Treibhausgase zu entnehmen. Aber auch der Wandel zu einer ganzheitlichen Kreislaufwirtschaft ist ein zentraler Hebel. Die globalen Treibhausemissionen können allein durch eine verbesserte Abfallwirtschaft um etwa zehn bis fünfzehn Prozent reduziert werden. Doch das Prinzip der Circular Economy geht noch weiter: “Echte” Kreislaufwirtschaft muss alle Stationen des Kreislaufs berücksichtigen, um Umwelt und Klima zu schützen. Von der Produktgestaltung über die Produktion bis hin zum Einsatz von Produkten, deren Reparatur und Abfallbewirtschaftung. 

Neben dem Beitrag für Klimaziele sind für Unternehmen auch die ökologischen Vorteile einer Kreislaufwirtschaft interessant. Laut dem aktuellen Circularity Gap Report von Circular Economy und Deloitte liegt der Wert zirkulärer Wirtschaftspraktiken im Billionenbereich. Gleichzeitig geht fast ein Drittel des weltweiten BIP durch Ineffizienzen wie Abfälle und Energieverluste verloren. Damit wird die Circular Economy zu einem Wirtschaftsfaktor. Rohstoffe einzusparen, macht zudem resilienter, unabhängiger von globalen Märkten und Lieferketten und damit insgesamt handlungsfähiger. Für die Industrie, die sich ohnehin in einer tiefgreifenden Umbauphase befindet, lohnt es sich daher, sich systematischer und konsequenter mit Kreislaufwirtschaft als Geschäftszweig auseinanderzusetzen.

Zirkuläre Geschäftsmodelle als wichtige Standbeine für die Industrie

Die Circular Economy umfasst verschiedene grüne Zukunftsmärkte, in denen zirkuläre Produkte und Geschäftsmodelle zu einem signifikanten Marktwachstum beitragen können. Vier besonders vielversprechende grüne zirkuläre Wachstumsmärkte beziehen sich auf das Konzept der R-Strategien: Recycling, Remanufacturing, Refurbish und Repurpose sowie Reuse. Praktische Beispiele sind die Rückgewinnung von Rohstoffen aus Traktionsbatterien, das Umfunktionieren dieser Batterien als stationäre Stromspeicher oder die Wiederverwendung gebrauchter Photovoltaikmodule. Firmen, die mindestens eine zirkuläre Strategie im Sinne der Kreislaufwirtschaft verfolgen, sind erfolgreicher als diejenigen, die das (noch) nicht machen [1]. Konkret die exakte Nachverfolgung von Produkten und Ressourcen entwickelt sich zu einem strategischen Erfolgsfaktor. Unternehmen, die ihre Lieferketten in Echtzeit überwachen können, sind nicht nur effizienter, sondern auch resilienter gegenüber schwankenden Märkten und unvorhersehbaren Störungen. 

Drei Wachstumsmärkte beschreiben verschiedene Dienstleistungsmodelle. Die Dienstleistungsorientierung gilt als zentraler Ansatz für das Wirtschaften in Kreisläufen. Der Anbieter verkauft ein physisches Produkt nicht, sondern überlässt es Kunden in Form von Leasing- oder Betreibermodellen lediglich zur Nutzung. Ebenso wichtig sind zirkuläre Planungsstrategien, die bereits bei der Ideengenerierung und Planung innovativer Produkte ansetzen, zum Beispiel "Reduce by Design" sowie technische Strategien, die die Produktlebensdauer verlängern, die Nutzung intensivieren und das Ende des Lebenszyklus einbeziehen, beispielsweise durch Demontage oder Recycling. Beides, zirkuläre Strategien und Dienstleistungsorientierung, stellt die Basis für zirkuläre Geschäftsmodelle dar. 

Enabler zirkulärer Geschäftsmodelle ist die Digitalisierung – dadurch werden sie teils erst möglich und zumeist enorm beschleunigt. Erfolgreich werden sie außerdem dann, wenn sie in der Designphase von Produkten beginnen und den Service-Aspekt in den Fokus rücken. Allein durch ein nachhaltig gestaltetes Produktdesign lassen sich bereits bis zu 80 Prozent CO2 einsparen. Zeitgleich steigt häufig der Umsatz und die Kosten bleiben mindestens gleich.

Digitalisierung schafft Transparenz

Für die Kreislaufführung von Ressourcen ist eine nahtlose Produkt- und Materialverfolgung unerlässlich. Idealerweise können alle Einzelteile von Produkten sowie Endprodukte über die gesamte Wertschöpfungskette geortet werden. Die erhöhte Transparenz ist eine der vielen Möglichkeiten, die Digitalisierung im Kontext der Circular Economy eröffnet. Neben digitalen Zwillingen, Blockchain, Internet der Dinge (IoT) und digitalen Diagnose- und Fernwartungstechnologien gehören auch digitale Produktpässe zu den Technologien, welche die notwendige Transparenz liefern. Durch den ganzheitlichen Blick auf Herstellung, Nutzung und Entsorgung eines Produkts werden zirkuläre Strategien effizienter oder oft überhaupt erst möglich. Außerdem helfen sie Unternehmen dabei, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln ("as-a-Service"), Produkte und Produktion zu verbessern, Materialkreisläufe zu optimieren und Lieferanten besser auszuwählen. Zum anderen können Konsumenten die Daten für Kaufentscheidungen nutzen, Zulieferer als nachhaltiges Verkaufsargument, Reparaturunternehmen, um die Produktnutzungsdauer zu verlängern und Verwertungs- und Recyclingunternehmen für den Produkt-End-of-Life. 

Bei der Produktherstellung ermöglicht die Implementierung von Sensorik, die Einbettung in das IIoT und die Erstellung digitaler Zwillinge, reale Energie- und Umweltdaten in der Produktion auf Maschinenebene standardisiert zu erheben, die entstandenen Emissionen mit spezifischen Emissionsfaktoren zu berechnen und in geeigneten Dashboards zu visualisieren. Damit ist es sowohl möglich, die gesamten Produktionsprozesse beispielsweise in einem Flowchart-Diagramm zu visualisieren als auch die spezifischen Emissionen der Produktionsprozesse für ein individuelles Produkt mit der Methodik des Lifecycle Assessments zu ermitteln. Im Systemgedanken hilft dieses Vorgehen im Hinblick auf Berichtspflichten bei der Allokation von Umweltauswirkungen und der Internalisierung externer Kosten, die durch negative Umweltauswirkungen entstehen. Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und weiteren Technologien können zudem erhebliche Materialersparnisse und Transparenz in Echtzeit erreicht werden. 

Studien zeigen, dass allein durch Transparenz mittels digitaler Zwillinge und kurzfristiger Optimierungsentscheidungen durch IIoT Produktemissionen um 30 bis 40 Prozent reduziert werden können. Weiteres Potenzial entsteht durch mittelfristige Prozessoptimierungen mittels digitaler Plattformen und KI. Dabei ist es wichtig, digitale Technologien selbst umweltschonend und nachhaltig zu gestalten.

Mehr Tempo bei der Umsetzung aufnehmen

Um die internationale Wettbewerbsfähigkeit mit Hilfe zirkulärer Wirtschaftspraktiken zu sichern, müssen Unternehmen in Europa Innovation stärker fördern. Hier kommt es auch auf das Umsetzungstempo an. Geschwindigkeit entscheidet heute darüber, wer Märkte anführt. In vielen Unternehmen ist der Weg von der Entscheidung in die Umsetzung jedoch zu lang. Pilotprojekte verpuffen. Rollouts klemmen. Investitionsfenster schließen sich. Um schneller in den produktiven Betrieb zu kommen, sollten Unternehmen stattdessen auf modulare Architekturen, digitale Blueprints, automatisierte Planung und KI-gestützte Steuerung setzen. 

Gleichzeitig sind Modernisierung und Vereinheitlichung der IT-/OT-Infrastruktur notwendig, um Technologien effektiv zu implementieren. Bisher wird der technologische Fortschritt in der DACH-Region allerdings durch gewachsene technische Schulden gebremst. Heterogene Altsysteme, fragmentierte Datenlandschaften, begrenzte Interoperabilität und infrastrukturelle Einschränkungen – etwa bei Netzqualität und IT-/OT-Integration – erschweren die konsequente Einführung neuer Technologien. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen bisher nicht über notwendige Datenbasis verfügen, zum Beispiel für regulatorische Anforderungen in Bezug auf operative Rückverfolgbarkeit, Stichwort digitaler Batteriepass. Insgesamt befindet sich die Region damit in einem Spannungsfeld, das zum einen strategische Anpassungen und zum anderen eine stärkere Investitionsbereitschaft sowie dynamischere Technologieakzeptanz erforderlich macht, wie das Industrie 4.0 Barometer 2026 von MHP und LMU München zeigt [2]. Nur dann kann es Unternehmen gelingen, den nächsten großen Produktivitätssprung zu machen, auch im Bereich der Kreislaufwirtschaft.

Aufbau einer zentralen unternehmensweiten Datenplattform

Ein wichtiger erster Schritt aus dem Spannungsfeld heraus sind durchgängig digitale Prozesse und ein standardisiertes Datenmanagement, um Daten im eigenen Unternehmen und darüber hinaus zielführend verfügbar zu machen. Unternehmen müssen etliche Daten aus diversen Quellsystemen und Schnittstellen zusammenführen, aggregieren und dann in einem einheitlichen Format nutzerzentriert bereitstellen. Das betrifft vor allem Daten aus der Lieferkette, die häufig fehlen oder unstrukturiert sind. Für den digitalen Batteriepass sind das beispielsweise Produktname und -produzent, Eigenschaften und Herstellungsort sowie Materialstammdaten, Nachhaltigkeitsdaten und Daten zur korrekten Entsorgung des Produkts. Für das Datenmanagement entscheidend ist die enge Zusammenarbeit zwischen Fachabteilungen sowie mit Zulieferern und Partnern; damit einher gehen klar definierte Verantwortlichkeiten. 

Als langfristiges Betriebsmodell eignen sich die eigene Infrastruktur, Cloud-Plattformen oder Drittanbieter. Dabei sind ein durchgängiges Reporting und kontinuierliche Verbesserungsprozesse für einen nachhaltigen Betrieb unabdingbar. Wer noch einen Schritt weiter gehen möchte, baut eine zentrale unternehmensweite Datenplattform mit allen relevanten Datenpunkten aus Betrieb und Lieferkette auf. Als technische Infrastruktur ermöglicht sie es, Daten entlang der gesamten Wertschöpfungskette systematisch und kontinuierlich zu erheben, aufzubereiten und zu analysieren und diese gemeinsame Basis jederzeit zu skalieren. Nachhaltigkeit wird dadurch aktiv steuerbar: für die regulatorische Compliance, das Berichtswesen, Workflows – und um zirkuläre Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln und umzusetzen.

Quellen
  1. Fluchs, S., Neligan, A., Schleicher, C. & Schmitz, E. (2022). Zirkuläre Geschäftsmodelle: Wie zirkulär sind Unternehmen? (IW-Report Nr. 27). Institut der deutschen Wirtschaft. Abgerufen am 12. Oktober 2026 von https://www.iwkoeln.de/studien/sarah-fluchs-adriana-neligan-wie-zirkulaer-sind-unternehmen.html
  2. MHP Management- und IT-Beratung & Ludwig-Maximilians-Universität München. (2026). Industry 4.0 Barometer 2026: Software-defined manufacturing – The new foundation of industrial competitiveness. MHP Management- und IT-Beratung. Abgerufen am 12. Oktober 2026 von https://www.mhp.com/fileadmin/www.mhp.com/downloads/studien/MHP_Study_Industry_4_0_Barometer_2026_EN.pdf

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