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Vera Linzbach 02. Februar 2021

Liebe als agiler Wert

Wie Wertschätzung, Verbundenheit und Empathie agile Teamarbeit erfolgreich machen

Als agiler Coach stelle ich mir immer wieder die Frage: "Was braucht das Team, um mehr Wert für den Kunden zu schaffen?" Um Antworten auf diese Frage zu finden, höre ich genau zu und beobachte. Ich gebe Impulse und achte genau auf die Resonanz. Diese Erkenntnisse helfen mir, den Rahmen für das Team zu gestalten. Mein Job ist es, das Team in die Lage zu versetzen, seine eigene Situation klar zu erkennen und den Weg in die Zukunft aktiv zu beschreiten.

Bei dieser Arbeit bin ich auf etwas gestoßen – auf die Essenz, die jedes Team braucht, um kreativ und innovativ arbeiten zu können. Oder anders ausgedrückt: Es gibt einen "Nährboden", der es dem Team ermöglicht, zu wachsen und erfolgreich zu sein. Fehlt dieser, werden andere Maßnahmen gar nicht erst wirksam.

Ich habe eine Weile gebraucht, um richtig zu begreifen und in Worte zu fassen, was genau diese Grundlage ausmacht. Aber schließlich bin ich zum Schluss gekommen: Es ist Liebe.

Liebe als Begriff im Arbeitskontext

Die meisten von uns sind wahrscheinlich der Meinung, dass Liebe Privatsache ist. Der Begriff wird gewöhnlich nicht im Arbeitskontext verwendet und ich muss zugeben, auch mir kommt er in diesem Zusammenhang nicht so leicht über die Lippen.

Trotzdem: Ob in Paarbeziehungen, familiären Beziehungen oder Freundschaften. Wir nutzen den Begriff im Zusammenhang mit den zentralen Beziehungsarten unseres Lebens – ja wir nutzen den Begriff sogar um profane Vorlieben wie "Ich liebe Pizza" auszudrücken. Warum fällt es uns so schwer den Begriff im Arbeitskontext zu verwenden, in dem Beziehungen ja ebenfalls eine bedeutende Rolle spielen?

Ich bin überzeugt, dass wir "Liebe" sagen sollten, wenn wir große Wertschätzung, Verbundenheit und Empathie meinen – auch im Arbeitskontext.

Eine zentrale Entdeckung

Am Anfang meiner Reise zur "Liebe als agilem Wert" steht zunächst eine Entdeckung, die für mein weiteres Arbeiten absolut zentral war: Es gibt etwas, das alle vier agilen Werte verbindet! Eine gemeinsame Basis, die dafür sorgt, dass die vier Werte erst wirklich wirksam werden können.

Wenn wir diese gemeinsame Basis fördern – statt jeden agilen Wert für sich – dann könnten wir als agile Coaches deutlich wirksamer werden. Ist das wirklich möglich? Was verbindet denn nun alle vier Werte des agilen Manifests? Es ist die zentrale Grundannahme: "Ich bin ok".

"Ich bin ok" als Basis für die vier agilen Werte

Die Einstellung, dass ich selbst in Ordnung bin, beeinflusst, wie ich im Team agiere und ob ich in der Lage bin, die agilen Grundwerte zu leben.

Schauen wir uns die vier Werte des agilen Manifestes genauer an:

1. Individuen und Interaktionen (vor Prozessen und Werkzeugen)

Das agile Manifest stellt Individuen und Interaktionen über Prozesse und Werkzeuge. Als agiler Coach mache ich täglich genau diese Erfahrung: Wir erzielen nicht durch die Optimierung von Prozessen und Tools den größten Fortschritt, sondern wenn wir uns auf die Bedürfnisse der Teammitglieder und die Interaktionen und Beziehungen untereinander fokussieren. Als Teammitglied muss ich in der Lage sein, offen und respektvoll zu kommunizieren und Vertrauen zu meinen Kolleg:innen aufzubauen. Nur so ergibt sich psychologische Sicherheit im Team. Diese ist wichtig, um z. B. konstruktiv mit Fehlern umzugehen und offen für Feedback zu sein. Beides sind zentrale Eckpfeiler agilen Arbeitens.

Die Grundannahme "Ich bin ok" ermöglicht diese offene und respektvolle Kommunikation und den Aufbau von Beziehungen.

2. Kooperation mit dem Kunden (vor Vertragsverhandlungen)

Dieser Wert zielt ab auf eine veränderte Haltung gegenüber dem Kunden. Wo im klassischen Projektmanagement der Kunde häufig als ein "Gegner" gesehen wurde, sieht das agile Manifest den Kunden als Partner, mit dem man auf Augenhöhe an einem gemeinsamen höheren Ziel arbeitet.

Um diese partnerschaftliche Haltung zu erreichen, ist die "Du bist ok"-Botschaft an den Kunden zentral wichtig. Nur wenn beide Kooperationspartner auf Basis des "Ich bin ok – du bist ok"-Mindsets arbeiten, kann kooperatives Arbeiten auf Augenhöhe gelingen.

3. Funktionierende Lösungen (vor umfassender Dokumentation)

Meiner Erfahrung nach wird dieser agile Wert vor allem dann wirksam, wenn das Team genügend Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die geschaffenen Lösungen hat.

Nur wenn ich überzeugt bin, dass die entwickelten Funktionen auch wirklich gut sind, kann ich auch dem Kunden gegenüber dafür eintreten, Fokus, Zeit und Geld auf diese zu richten, statt (zu viel) auf Hilfsmittel wie Dokumentationen.

Nichts blockiert das eigene Selbstvertrauen aber so sehr wir eine "Ich bin nicht ok" Einstellung. Diese führt zu Stress und Anspannung, vermindert so die Fähigkeit zu fokussieren und vor allem innovative Lösungen zu entwickeln.

4. Reagieren auf Veränderung (vor Befolgen eines Plans)

Pläne geben Sicherheit und das Gefühl alles unter Kontrolle zu haben. Es kann daher gerade in unsicheren Zeiten sehr schwerfallen, den sicheren Hafen der Pläne zu verlassen und flexibel auf Änderungen zu reagieren. Dies wird nur möglich, wenn ich Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten habe und daran glaube, für kurzfristige Änderungen gut gerüstet zu sein. Erst dann traue ich mich, Pläne loszulassen oder gar nicht erst einen großen detaillierten Plan aufzustellen.

Es ist nicht schwer, auch hier die Verbindung zur "Ich bin ok"-Grundhaltung zu sehen. Ein Team kann sich erst dann richtig auf ein flexibles Mindset einlassen, wenn die einzelnen Teammitglieder "Ich bin ok"-Grundhaltungen einnehmen und so genügend Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Mut für Veränderungen aufbringen können.

Liebe als agiler Wert

"Ich bin ok" als Grundvoraussetzung für agiles Arbeiten: Für mich ist das eine zentrale Entdeckung! Denn es bedeutet, dass egal wie sehr wir uns anstrengen die Prozesse in unseren Teams zu optimieren – wenn die Teammitglieder das Gefühl haben "Ich bin nicht ok", hilft uns das alles nicht. Ich bin also der Meinung: Als agiler Coach und Scrum Master sollten wir unseren ganzen Fokus auf das Schaffen einer "Ich bin ok"-Kultur legen (und weniger auf die korrekte Durchführung von agilen Prozessen).  

Wir brauchen dazu Wertschätzung, Verbundenheit und Empathie. Mit anderen Worten: Wir brauchen Liebe. Das Gefühl, von anderen angenommen, verstanden und wertgeschätzt zu werden ist wie Dünger für das eigene "Ich bin ok"-Mindset. Immer wieder machte ich im Team genau diese Erfahrung: Sobald Wertschätzung, Verbundenheit und Empathie im Team-Alltag gelebt werden, geht die Entwicklung hin zu einem leistungsstarken Team steil bergauf.

Aus meinen bisherigen Erfahrungen in der Arbeit mit Teams habe ich ein Konzept aus drei zentralen Schritten entwickelt, um Liebe als agilen Wert im Team wirksam werden zu lassen:

  1. Kulturelle Praktiken etablieren
  2. "Du bist ok"-Haltung einnehmen
  3. Bewusstsein im Team schaffen

1. Kulturelle Praktiken etablieren

Im ersten Schritt werden zunächst Wertschätzung, Verbundenheit und Empathie im Arbeitsalltag für die Teammitglieder erlebbar gemacht und als regelmäßige Praxis etabliert. Als agiler Coach bzw. Scrum Master bietet es sich an, Praktiken in die Scrum-Prozesse zu integrieren. So nutze ich regelmäßig die Retrospektive, um in speziell entwickelten Methoden beispielsweise das Ausdrücken von negativen Emotionen zu fördern. Der richtige Umgang mit negativen Emotionen ist eine wichtige Voraussetzung, um "Ich bin nicht ok"-Einstellungen zu verhindern und die Empathie-Fähigkeit zu stärken.

Doch auch andere Scrum-Rituale wie das Daily lassen sich gut um eigene Praktiken erweitern, wie das folgende Beispiel aus meiner Praxis zeigt:

Beispiel: Der Tagesheld Pokal

Jeden Tag werden im Daily Stand Up – nach dem üblichen Austausch über den Stand der Aufgaben und aktuellen Hindernisse – Pokale im Team vergeben. Jedes Teammitglied kann jeder anderen Person einen Pokal vergeben, z. B. um sich für etwas zu bedanken oder allgemein Wertschätzung für etwas auszudrücken, das diese Person am Vortag getan oder gesagt hat. Jeder kann den Pokal spontan und beliebig vielen Personen verleihen.

Diese Praktik führt sehr schnell zu erlebbaren Veränderungen im Team. Die einzelnen Teammitglieder werden im Laufe der Zeit immer besser darin, positive Aspekte in der Arbeit der Kolleg:innen und in der Zusammenarbeit wahrzunehmen und diese differenziert auszudrücken. Die einzelnen Personen fühlen sich gesehen und geschätzt. Ein Gefühl von Verbundenheit entsteht und verstärkt sich zunehmend.

2. "Du bist ok"-Haltung einnehmen

Praktiken sind jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Ohne die richtige Haltung bleiben diese häufig wirkungslos. Als agiler Coach muss ich also selbst Liebe als Wert leben, um wirksame Praktiken etablieren zu können. Und nicht nur das. Die zentrale Botschaft, um Liebe als agilen Wert wirklich tiefgreifend im Team zu verankern, ist: "Du bist ok."

Als agiler Coach muss ich immer in Vorleistung gehen und verteile "Du bist ok"-Botschaften. Dies ist der Startpunkt für eine "Ich bin ok"-Kultur im Team. Wir Menschen sind soziale Wesen – wir brauchen ein initiales "Du bist ok" von anderen, um unser eigenes "Ich bin ok"-Mindset zu etablieren.

Dies ist oft die herausforderndste Aufgabe für uns agile Coaches und Scrum Master. Denn wir müssen zunächst unsere eigene persönliche "Ich bin ok"-Haltung finden und kultivieren, um dann "Du bist ok" ans Team zu verteilen. Dazu wird von uns selbst ein hohes Maß an Selbstreflexion gefordert, um zu erkennen, wann wir selbst die "Ich bin ok"-Haltung verlassen und wie wir dorthin zurückfinden.

Beispiel: Journaling

Ich selbst verwende beispielsweise die Technik des "Journaling", um meine Selbstwahrnehmung zu fördern. Dabei schreibe ich jeden Abend Beobachtungen des Tages in meinem Notizbuch auf. Leitfragen sind beispielsweise:

  • Was fiel mir heute schwer?
  • Was war heute erfolgreich?
  • Welche Erkenntnisse habe ich heute zu mir selbst gewonnen?

3. Bewusstsein im Team schaffen

Diese beiden Schritte haben mich bereits weit gebracht. Praktiken einführen und selbst der Impulsgeber für "Du bist ok"-Botschaften sein. Aber: Ich möchte sicherstellen, dass sich die Kultur im Team selbst trägt, dass sie allen die Botschaft "Du bist ok" sowie Wertschätzung, Empathie und Verbundenheit vermittelt – auch ohne selbst Impulse zu geben.

Dazu muss ich sicherstellen, dass die Teammitglieder sich des Konzepts der Liebe als agilem Wert bewusst werden. Das passiert, indem ich mit dem Team über ihre Erfahrungen aus den Praktiken spreche und wir definieren, welche Werte sich für sie darin ausdrücken. Im Anschluss können wir gemeinsam entscheiden, welche dieser Werte als Teamwerte bewusst gefördert werden sollen. An diesem Punkt habe ich es als sehr hilfreich erlebt, meine eigenen Werte und Motive hinter den Praktiken und meine eigene "Ich bin ok"-Haltung zu erklären und in das Gespräch über die Teamwerte mit einzubringen. Ob die definierten Werte nun "Liebe", "Wertschätzung", "Respekt" oder ähnlich heißen, ist dabei egal, solange die "Du bist ok"-Haltung sich in den Werten widerspiegelt.

Liebe ist nicht alles, aber…

Vor einigen Monaten kam ein agiler Coach-Kollege, der ein von mir betreutes Team übernommen hatte, auf mich zu und meinte: "Ich habe selten ein Team mit so einem Spirit gesehen. Was war Dein Anteil an diesem Erfolg?. Die Antwort auf diese Frage ist mein Konzept zu "Liebe als agiler Wert".

Natürlich: Liebe ist nicht alles. Aber ohne Liebe ist alles nichts. Dies gilt auch für die Arbeit im Team und ganz besonders für das agile Arbeiten.

Autorin

Vera Linzbach

Vera Linzbach ist agiler Coach bei der Seitenbau GmbH, einem mittelständischen Software-Unternehmen. Mit Ihrer Arbeit steht sie für eine "Next Level Scrum Mastery".
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