Prognosen mit Monte Carlo Simulation verständlich erklärt – Wahrscheinlichkeit statt Bauchgefühl

Projekte sind ein Versprechen in die Zukunft. Stakeholder wollen wissen: Wann sind wir fertig? Was schaffen wir bis wann? Doch je komplexer unsere Vorhaben und je dynamischer die Umgebung, desto schwieriger wird es, diese Fragen verlässlich zu beantworten. Aufwändige Planungen, detaillierte Excel-Tabellen und lange Schätzrunden sollen Klarheit schaffen. In der Realität weichen Pläne jedoch fast immer deutlich von der Wirklichkeit ab.
- Einleitung: Warum wir Vorhersagen brauchen und warum sie oft scheitern
- Die aktuellen Herausforderungen in Projekten
- Warum klassische Schätzmethoden nicht ausreichen
- Ein anderer Blick: Wahrscheinlichkeiten statt Bauchgefühl und Zählen statt Bewerten
- Monte Carlo Simulation einfach erklärt
- Nutzen der Prognosen mit Monte Carlo Simulation
- Grenzen der Prognosen mit Monte Carlo Simulation
- Systemstabilität als Grundvoraussetzung oder das Kleingedruckte
- Fazit: Von der Illusion der Sicherheit zur Kultur der Wahrscheinlichkeit
1. Einleitung: Warum wir Vorhersagen brauchen und warum sie oft scheitern
Warum scheitern so viele Projektprognosen trotz ausgefeilter Planung und akribischer Schätzungen? Weil sie versuchen, das Unvorhersehbare exakt vorherzusagen. Doch genau hier liegt das Problem: Projekte sind komplexe Systeme in einem komplexen Umfeld mit unzähligen Einflussfaktoren. Das führt zu hoher Unsicherheit und einer Vielzahl möglicher Entwicklungen in der Zukunft. Diese Unsicherheiten lassen sich nicht in einer einzigen Zahl abbilden. Wer es dennoch versucht, blendet die Realität aus und erzeugt Scheinsicherheit. Klassische Methoden ignorieren diese Unsicherheit und scheitern daran, die Komplexität der Realität zutreffend abzubilden.
Dabei sind wir es im Alltag längst gewohnt, Wahrscheinlichkeiten in unsere Entscheidungen einzubeziehen: Wetterberichte, Fahrzeitprognosen oder Renditewahrscheinlichkeiten an der Börse gehören selbstverständlich dazu. Im Projektgeschäft hingegen dominieren starre Zusagen und die Illusion, dass gründliche Schätzungen eine belastbare Zukunft abbilden könnten. In einer Welt, die von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität geprägt ist, führt diese Haltung zwangsläufig zu Enttäuschungen.
Die gute Nachricht: Es gibt einen anderen Weg. Einen, der Unsicherheiten nicht verdrängt, sondern sichtbar macht. Einen, der statt Bauchgefühl mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet: die Monte Carlo Simulation.
2. Die aktuellen Herausforderungen in Projekten
Warum tun wir uns mit Vorhersagen so schwer? Zum Teil liegt es an unserer menschlichen Natur, zum Teil an den Rahmenbedingungen.
Unsere heutige Projektwelt ist dynamischer denn je. Auch früher war es nicht leicht, große Vorhaben umzusetzen. Heute haben die Herausforderungen jedoch ein neues Niveau erreicht. Ein Niveau, das in der Literatur oft als VUCA-Welt bezeichnet wird:
- Volatilität: Anforderungen ändern sich schnell, oft sogar mehrfach während eines Projekts. Sie entziehen sich unserer Wahrnehmung und Kontrolle bei ihrer Entstehung. Neue Anforderungen treten als Tatsache auf, auf die wir nur reagieren können. Die einzige offene Frage ist: Wie schnell?
- Unsicherheit: Projekte starten häufig mit unvollständigen Informationen. Abhängigkeiten, technische Risiken oder Kundenwünsche liegen teilweise im Dunkeln. Entscheidungen müssen trotzdem getroffen werden, auch wenn die Grundlage dafür nur teilweise bekannt ist.
- Komplexität: Projekte bestehen nicht aus linearen Abfolgen, sondern aus einem Netz von Wechselwirkungen. Schon kleine Änderungen an einer Stelle können unerwartete Konsequenzen an ganz anderer Stelle auslösen. Ursache und Wirkung sind nicht mehr eindeutig zuzuordnen.
- Ambiguität: Informationen sind vorhanden, lassen aber mehrere Interpretationen zu. Zwei Stakeholder können denselben Bericht lesen und zu völlig unterschiedlichen Schlüssen kommen. Diese Mehrdeutigkeit erschwert die Ausrichtung und erzeugt widersprüchliche Erwartungen.
Neben diesen VUCA-Faktoren kommen weitere Stolperfallen hinzu:
- Kognitive Verzerrungen [1]: Wir unterschätzen Risiken und sind bei Schätzungen oft zu optimistisch. Das mag im Alltag ein Vorteil sein, führt im Projektgeschäft jedoch zu unrealistischen Versprechen und unerfüllbaren Erwartungen. Verstärkt wird diese Wirkung durch den Anker-Effekt (erste Zahlen prägen überproportional), durch Erwartungsdruck sowie durch die Scheu, unangenehme Wahrheiten auszusprechen.
- Planungskultur: Der Wunsch nach fixen Zusagen ("Bis zum 30. Juni ist alles fertig.") dominiert, obwohl die Realität dynamisch ist. Weder der Auftraggeber weiß zu Beginn genau, wie das Ergebnis aussehen soll, noch der Auftragnehmer, wie das undefinierte Ergebnis zu erreichen ist. Und niemand weiß, was der morgige Tag bringt. Dennoch vermitteln fixe Zusagen ein trügerisches Gefühl von Sicherheit.
- Organisatorische Faktoren: Fehlender Fokus und überlastete interne Prozesse nehmen Projekten oft die notwendige Stabilität, um verlässliche Prognosen zu ermöglichen. Die Projektwelt ist eine VUCA-Welt: Kennzahlen spiegeln bestenfalls eine Momentaufnahme, erlauben aber keinen belastbaren Blick in die Zukunft.
Das Ergebnis: Pläne, die auf dem Papier gut aussehen, scheitern mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit an der Realität. Dabei geht es nicht um kleinere Abweichungen von 10 - 20 Prozent. In der Praxis sind Korrekturen von über 200 Prozent keine Seltenheit.
3. Warum klassische Schätzmethoden nicht ausreichen
Aufwandsschätzungen mit Story Points, T-Shirt-Größen oder andere relative Skalen haben längst ihren festen Platz im Projektalltag erobert. Sie sind hilfreich, um ein grobes Gefühl für die Größe von Aufgaben zu entwickeln und ein gemeinsames Verständnis für ein Thema aufzubauen. Doch als Grundlage für belastbare Prognosen und realistische Projektplanung sind sie im besten Fall unzureichend und im schlimmsten Fall ungeeignet.
Warum? Weil drei zentrale Probleme immer wieder auftreten:
- Hohe Kosten: Detailpläne veralten schnell. Planabweichungen führen zu neuen Schätzungen, und wiederholte Schätzrunden beschäftigen je nach Umfang tagelang das gesamte Projektteam. Abgesehen von der ersten Schätzung, wenn noch keine anderen Daten vorliegen, steht der Aufwand in keinem angemessenen Verhältnis zum Ergebnis.
- Unsicherheit wird ausgeblendet: Statt mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten wir mit Festwerten: "Das Feature dauert 5 Tage.“ oder "100 Story Points“. Doch was ist mit den realistischen Alternativen? Vielleicht 2 Tage im Best Case oder 10 im Worst Case? Und wie wahrscheinlich sind diese Werte überhaupt? Feste Zahlen vermitteln Verbindlichkeit und Sicherheit. Doch wie sicher sind wir tatsächlich, dass wir diese Zusage auch einhalten können?
- Scheinpräzision entsteht: Detaillierte Schätzungen liefern nicht automatisch bessere Ergebnisse. Schätzungen bleiben letztlich Bauchgefühle. Sie basieren zwar auf Erfahrung, sind aber subjektiv und lassen sich leicht durch äußere Faktoren beeinflussen, etwa durch das Wissen um einen Wunschtermin.
Das Grundproblem: Klassische Schätzmethoden stützen sich auf subjektive Werte und tun so, als gäbe es nur eine Zukunft. In Wirklichkeit existieren unzählige mögliche Verläufe und genau darin liegt die eigentliche Herausforderung.
4. Ein anderer Blick: Wahrscheinlichkeiten statt Bauchgefühl und Zählen statt Bewerten
Unsere tägliche Leistung schwankt: mal schaffen wir mehr, mal weniger. Manche Werte treten häufiger auf als andere, doch welcher Wert als Nächstes kommt, ist reiner Zufall. Zufälligkeit und Wahrscheinlichkeit sind zwei Faktoren, die es uns Menschen schwer machen, eine realistische Prognose abzugeben.
Um Aussagen über die Zukunft zu treffen, brauchen wir Wissen über die möglichen Ergebnisse und deren Verteilung. Genau hier setzt die Monte Carlo Simulation an. Statt so zu tun, als gäbe es nur einen einzigen Zukunftsverlauf, simuliert sie tausende verschiedener Szenarien und wertet diese nach ihrer Wahrscheinlichkeit aus.
Für die Simulation werden historische Daten verwendet: die tatsächlichen Durchsätze aus der Vergangenheit. Damit stützt sich die Methode nicht auf subjektive Schätzungen, sondern auf echte Zahlen aus dem betrachteten Prozess. Die Monte Carlo Simulation projiziert diesen historischen Durchsatz in die Zukunft und zeigt, was mit dieser Leistung erreichbar ist.
Unabhängig davon, mit welchem Tool gearbeitet wird, der Durchsatz ist schnell zu erfassen. Wenn noch keine Daten vorliegen, können zunächst Schätzungen als Basis dienen. Sobald echte Daten verfügbar sind, werden die Schätzungen ersetzt.
Historische Durchsätze stellen eine solide Basis dar, um die Leistungsfähigkeit eines Teams oder Prozesses zu prognostizieren. Was uns für eine vollständige Vorhersage jedoch noch fehlt, ist die Gesamtmenge der Arbeit, die bis zum Zieltermin erledigt werden muss. Erst wenn wir beides kennen, können wir eine Aussage darüber treffen, ob wir rechtzeitig fertig werden.
Da die Gesamtmenge der offenen Arbeit meist nicht exakt bekannt ist, kommen wir an dieser Stelle nicht ohne Schätzungen aus. Wie bereits erwähnt, sind klassische Schätzungen aufwändig und ungenau. Doch auch hier gibt es einen pragmatischeren Weg: Statt Arbeitseinheiten zu bewerten, genügt es, die offenen Einheiten einfach zu zählen. Stories, Aufgaben oder Tickets, je nachdem, was im Prozess üblich ist.
Die tatsächliche Größe der Einheiten spielt dabei eine geringe Rolle, weil sich Unterschiede über die Menge hinweg ausgleichen. Wichtiger ist, dass jede Einheit in einer angemessenen Zeitspanne im Prozess bearbeitet werden kann:
- In Scrum ergibt sich diese Obergrenze durch die Sprintdauer: Eine Story, die nicht in einen Sprint passt, wird kleiner geschnitten.
- In anderen Vorgehensmodellen kann eine feste Grenze eingeführt werden, etwa maximal zehn Kalendertage.
Statt langwierige Diskussionen über die relative Größe der Arbeitseinheiten zu führen, genügt eine einfache Frage: Liegt die Arbeitseinheit unterhalb der definierten Grenze – ja oder nein? So lässt sich der Gesamtaufwand mit deutlich weniger Mühe und mindestens genauso verlässlich bestimmen wie durch klassische Story-Point-Schätzungen.
Mit historischen Durchsätzen und unter Berücksichtigung der Zufälligkeit einzelner Ergebnisse und ihrer Verteilung erstellt die Monte Carlo Simulation eine Prognose. Jede Prognose beschreibt das Eintreten eines zukünftigen Ereignisses in einem Zeitraum und mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit. In der Praxis bedeutet das: Wir erhalten eine Übersicht aller möglichen Ergebnisse, die wir in der Zukunft erzielen könnten, inklusive ihrer Eintrittswahrscheinlichkeiten. Anhand dieser Werte lässt sich beurteilen, ob geplante Ziele realistisch sind.
Die Monte Carlo Simulation ermöglicht es, sich auch bei hochkomplexen Problemen einer Lösung zu nähern. Sie wird seit Langem in Bereichen wie Kernphysik, Finanzmathematik oder Versicherungswesen eingesetzt. Überall dort, wo exakte Berechnungen nicht möglich oder zu aufwändig wären. Im Projektgeschäft ist diese Methode dagegen noch wenig bekannt. Spätestens im VUCA-Zeitalter ist die Monte Carlo Simulation aktueller denn je: eine einfach anzuwendende und zugleich unverzichtbare Methode, um Planungssicherheit zu erhöhen.
5. Monte Carlo Simulation einfach erklärt
Die Monte Carlo Simulation lässt sich in drei wesentliche Schritte unterteilen:
- Erfassung der historischen Daten zum Durchsatz
Der Durchsatz beschreibt die Leistung eines Teams in Arbeitseinheiten, die pro Zeiteinheit erledigt wurden. Die Analyse dieser historischen Werte zeigt sowohl die Spannweite als auch die Häufigkeit der Durchsatzwerte in der Vergangenheit (siehe Abbildung 1).
Beispiel: Ein Team setzte pro Woche zwischen 0 und 8 Arbeitseinheiten um, wobei "5 Arbeitseinheiten" in 25 % der Fälle vorkamen. Wir wissen zwar nicht, welchen Durchsatz das Team in der kommenden Woche erreichen wird. Aber wir kennen die Bandbreite der möglichen Werte und ihre Wahrscheinlichkeiten. - Simulation der Ergebnisse über viele Versuche
Mit Hilfe der historischen Werte werden mögliche Zukunftsszenarien erzeugt. Stellen wir uns einen Würfel mit mehreren Seiten vor: Jede Seite repräsentiert einen historischen Durchsatz. Wird der Würfel 30-mal "geworfen", erhalten wir eine mögliche Abfolge von Durchsätzen für die nächsten 30 Wochen (siehe Abbildung 1). Deren Summe zeigt, welches Gesamtergebnis das Team in diesem Zeitraum erzielen könnte.
Doch das ist nur eine von unzähligen Möglichkeiten. Je nachdem, welche Zahlen fallen, kommen unterschiedliche Gesamtergebnisse zustande. Deshalb wird die Simulation nicht nur einmal, sondern zehntausendfach wiederholt, um die gesamte Bandbreite möglicher Ergebnisse sichtbar zu machen. In der Praxis wird mit 10.000 und mehr Durchläufen gearbeitet, hier im vereinfachten Beispiel bleiben wir bei nur 1.000 Versuchen. - Aufstellung einer Wahrscheinlichkeitsverteilung
Auf der Basis der Simulationsergebnisse entsteht eine Wahrscheinlichkeitsverteilung. Sie zeigt, wie oft welche Ergebnisse eintreten. Ein Histogramm visualisiert die Verteilung: Wenn ein Ergebnis, zum Beispiel "125 Arbeitseinheiten in 30 Wochen", in 30 von 1.000 Versuchen vorkommt, beträgt die Eintrittswahrscheinlichkeit für dieses Ergebnis 3 % (siehe Abbildung 2).
Die Wahrscheinlichkeitsverteilung bildet die Grundlage für Prognosen. Die Antwort auf Fragen wie "Wann sind wir fertig?" oder "Was schaffen wir bis wann?" ist nicht mehr eine fixe Zahl oder ein Datum, sondern eine Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines bestimmten Ergebnisses in einem Zeitraum.
Ein Beispiel:
Das Histogramm in Abbildung 2 zeigt die Verteilung der erzielten Ergebnisse für die nächsten 30 Wochen. Nehmen wir an, dass in diesem Zeitraum 120 Arbeitseinheiten umgesetzt werden müssen, um das Projektziel zu erreichen. Alle Simulationen, in denen 120 (grüner Balken) oder mehr Arbeitseinheiten erzielt wurden, gelten als erfolgreich. In unserem Beispiel sind das 850 von 1000 Versuchen, was einer Wahrscheinlichkeit von 85 % entspricht.
Die Bewertung der Simulationsergebnisse hängt von der Risikobereitschaft der Entscheider ab. In der Praxis wird gerne mit einem Sicherheitsniveau von 85 % gearbeitet. 85 % ist ein praktischer Kompromiss: hoch genug, um Stakeholdern Sicherheit zu geben, und trotzdem ambitioniert genug, um nicht alles mit Puffer zu überladen. Je nach Kritikalität des Produktes soll ein akzeptables Risikoniveau vereinbart werden.
In derselben Simulation sehen wir: 127 Arbeitseinheiten entsprechen einer Wahrscheinlichkeit von 70 % (gelber Balken). Zu riskant für eine verbindliche Zusage, aber gut erreichbar mit gezielten Maßnahmen. Ein Ziel von 133 Arbeitseinheiten hätte nur noch eine Wahrscheinlichkeit von 50 % – ein Münzwurf. Durch frühzeitige und effektive Maßnahmen kann die Prognose positiv beeinflusst werden. Im Laufe der Zeit und mit wiederholten Simulationen lässt sich überprüfen, ob die ergriffenen Maßnahmen den gewünschten Effekt hatten und die Prognose verbessert wurde.
6. Nutzen der Prognosen mit Monte Carlo Simulation
Die Monte Carlo Simulation ist ein verlässlicher Begleiter in allen meinen Projekten: einfach in der Anwendung und gleichzeitig sehr aufschlussreich.
Ihre wichtigsten Vorteile:
- Übersicht aller möglichen Ergebnisse: Statt einer fixen Zahl liefert die Simulation eine Bandbreite von möglichen Ergebnissen mit Wahrscheinlichkeiten. Auf die Frage “Wie sicher ist ein bestimmtes Ergebnis?“ lässt sich mit einem Prozentwert antworten und nicht mit einem vagen "Ziemlich sicher." Gleichzeitig können sämtliche Wunschergebnisse und Erwartungen in diese Bandbreite eingeordnet werden. So wird sofort sichtbar, wie weit gewünschte und realistische Ergebnisse voneinander entfernt liegen und ob es mit einem vertretbaren Aufwand möglich ist, das Ziel doch noch zu erreichen.
- Objektive Grundlage: Historische Daten bilden eine nachvollziehbare Basis für Prognosen und darauf aufbauende Zusagen. Diese Prognosen können und sollen durch Erfahrung und Fachwissen ergänzt werden, bieten aber immer einen objektiven Ausgangspunkt für weitere Diskussionen.
- Risikobewusstsein: Die Wahrscheinlichkeitsverteilung zeigt auf, mit welchem Risiko ein bestimmtes Ergebnis erreicht werden kann. Das unterstützt Entscheider dabei, bewusst mit Risiken umzugehen. Werte mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 70 % sind in der Regel tragfähig, darunter wird es schnell spekulativ.
- Transparente Kommunikation: Prognosen und Risikobewertungen lassen sich leicht verständlich darstellen. Das schafft Vertrauen bei Stakeholdern und fördert einen konstruktiven Dialog.
- Realistische Zielbewertung: Ist die Menge offener Arbeit bekannt, zeigt die Simulation sofort, ob Erwartungen oder Deadlines realistisch sind. Diese Erkenntnis kann schmerzhaft sein, aber sie ist entscheidend, um sich auf erreichbare Ziele zu einigen. In der Praxis liegen Erwartungen jedoch manchmal sogar außerhalb der Wahrscheinlichkeitsverteilung. Anders gesagt: Sie sind unter den gegebenen Bedingungen schlicht unmöglich zu erfüllen.
- Geringer Aufwand: Die Einführung ist unkompliziert. Wir nutzen beispielsweise das Jira Plugin ActionableAgile. Damit lassen sich jederzeit aktuelle Prognosen erstellen, da sämtliche Daten direkt aus Jira in die Monte Carlo Simulation einfließen. Für Kunden ohne diese Möglichkeit haben wir einfache Modelle in Excel entwickelt, die ebenfalls wertvolle Ergebnisse geliefert haben.
Praxisnutzen für verschiedene Rollen:
- Teams: haben weniger Druck und Schätzaufwand, mehr Zeit für produktive Arbeit, besseres Verständnis für den Zusammenhang zwischen Leistung, Arbeitsweise und Planbarkeit.
- Scrum Master: nutzen die Verlässlichkeit der Prognosen als Indikator für Prozessstabilität und für die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Prozessoptimierung.
- Product Owner: erhalten realistische Release Forecasts, können Prioritäten klarer setzen und Erwartungen besser managen.
- Projektleiter: können Chancen und Risiken transparent darstellen und auf dieser Basis realistische Pläne aufstellen.
- Kunden & Stakeholder: gewinnen Vertrauen durch Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Prognosen, erhalten bessere Planungssicherheit und können ihre Aufmerksamkeit auf das Wesentliche lenken.
7. Grenzen der Prognosen mit Monte Carlo Simulation
Wie jede Methode hat auch die Monte Carlo Simulation ihre Grenzen. Wichtig ist, genau zu verstehen, was sie leisten kann und was nicht.
Typische Grenzen:
- Keine Aussage über den Projekterfolg: Die Simulation beschreibt lediglich den Zusammenhang zwischen aktueller Leistungsfähigkeit und zukünftiger Gesamtleistung. Sie liefert eine quantitative Aussage darüber, welche Kapazität in einem bestimmten Zeitraum zur Verfügung steht. Zum Beispiel: 120 Stories in 30 Wochen. Welche Inhalte diese Stories haben und welchen Mehrwert sie schaffen, ist eine andere Frage. Oft sind unsere Erwartungen größer als unsere Möglichkeiten. Die Simulation hilft, diese beiden Größen in Relation zu setzen. Die Aufgabe des Teams und der Organisation ist es, durch geeignete Maßnahmen ein Gleichgewicht herzustellen.
- Hohe Wahrscheinlichkeit ≠ kein Risiko: Auch bei einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 85 % bleibt ein Restrisiko bestehen. Die Simulation darf nicht den Eindruck erwecken, ein Vorhaben sei "sicher". Risiken müssen regelmäßig überprüft, bewertet und aktiv gemanagt werden. Die wiederholten Simulationen unterstützen dabei, die Trends frühzeitig zu erkennen.
- Kein Ersatz für gesunden Menschenverstand: Die Monte Carlo Simulation erweitert unsere Entscheidungsgrundlage, ersetzt sie aber nicht. Faktoren wie Abhängigkeiten, bereits absehbare zukünftige Ereignisse oder organisatorische Veränderungen müssen immer zusätzlich berücksichtigt werden.
- Datenqualität entscheidet: Eine Prognose ist nur so gut wie die Daten, die ihr zugrunde liegen. Sinnvolle Ergebnisse entstehen nur aus stabilen, vorhersehbaren Prozessen. Stabilität erzeugt Vorhersehbarkeit und diese ermöglicht Planbarkeit. Ohne ein Mindestmaß an Stabilität sind die historischen Daten nicht repräsentativ, und die Prognosen verlieren ihre Aussagekraft. Auf dieses Thema gehe ich im nächsten Kapitel näher ein.
8. Systemstabilität als Grundvoraussetzung oder das Kleingedruckte
Jedem Modell und jedem Gesetz liegen bestimmte Annahmen zu Grunde, die die Rahmenbedingungen beschreiben, unter denen plausible Ergebnisse möglich sind. Für Prognosen ist diese Bedingung die Systemstabilität.
Als stabil gilt ein System, das vorhersehbare Ergebnisse liefert. Das bedeutet: Die historischen Daten aus dem betrachteten Prozess sind auch für die Zukunft repräsentativ. Ist das nicht der Fall, können keine verlässlichen Prognosen erstellt werden. Diese Aussage gilt nicht nur für die Monte Carlo Simulation, sondern für alle Prognoseverfahren. Denn das Unvorhersehbare lässt sich nicht vorhersagen.
Es braucht also ein Mindestmaß an Stabilität und damit Vorhersehbarkeit, um belastbare Prognosen aufstellen zu können. Ein klassisches Beispiel ist die Wettervorhersage: Das Wetter stellt ein sehr komplexes und instabiles System dar, das nur kurzfristige Vorhersagen mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit ermöglicht. Je weiter der Prognosezeitraum in die Zukunft reicht, desto ungenauer werden die Vorhersagen.
Woran erkennen wir, ob ein Prozess stabil ist?
Am besten eignen sich dafür Arbeitsflussmetriken wie Durchsatz, Durchlaufzeit und Work in Progress (WIP). Diese geben Aufschluss darüber, wie verlässlich ein Prozess funktioniert und sie zeigen gleichzeitig, an welchen Stellen Stabilisierung nötig ist.
Daniel Vacanti hat in Actionable Agile Metrics for Predictability [2] diese Metriken und ihren Einfluss auf Systemstabilität umfassend beschrieben. Ich gehe folgend kurz auf diese Metriken ein:
- Durchsatz: beschreibt die Leistungsfähigkeit eines Prozesses, also wie viele Arbeitseinheiten in einer bestimmten Zeit abgeschlossen werden. Ein stabiler Durchsatz über einen Zeitraum bedeutet, dass das System trotz interner und externer Störungen eine relativ gleichbleibende und damit planbare Leistung liefert.
- Durchlaufzeit: zeigt, wie lange eine Arbeitseinheit vom Start bis zur Fertigstellung benötigt. Lange, stark schwankende oder tendenziell wachsende Durchlaufzeiten deuten auf systemische Probleme hin und erhöhen das Risiko bei den Vorhersagen. Stabile, nicht ausufernde Durchlaufzeiten weisen auf einen kontinuierlichen, stabilen Arbeitsfluss hin, der die Arbeit durch den Prozess befördert.
- Work in Progress (WIP): beschreibt die Anzahl der gleichzeitig im System befindlichen Arbeitseinheiten. Unbegrenzter WIP führt fast zwangsläufig zu Überlastung, Blockaden und wachsenden Durchlaufzeiten. Ein begrenzter WIP ist dagegen einer der einfachsten und wirksamsten Hebel, um einen gleichmäßigen Fluss und damit bessere Vorhersehbarkeit sicherzustellen.
Warum wirken diese Metriken so stark auf Stabilität?
Weil sie für die Balance zwischen Nachfrage (wie viel Arbeit hereinkommt) und Kapazität (wie viel Arbeit abgeschlossen wird) in einem System sorgen. Ein System ist dann stabil, wenn die Arbeit ungehindert und gleichmäßig durch das System fließen kann. Jede Abweichung, sei es durch zu viele parallele Aufgaben, stark schwankende Durchlaufzeiten, langlaufende Arbeitseinheiten, wirkt sich negativ auf die Vorhersehbarkeit aus.
9. Fazit: Von der Illusion der Sicherheit zur Kultur der Wahrscheinlichkeit
Eine der größten Herausforderungen im aktuellen Projektumfeld ist die hohe Unsicherheit, unter der Entscheidungen getroffen werden müssen. Sie erschwert belastbare Pläne und verbindliche Zusagen. Klassische Planungstechniken blenden Unsicherheiten aus, erzeugen trügerische Präzision und scheitern regelmäßig an der Realität.
Die Monte Carlo Simulation bietet hier einen anderen Weg: Sie macht Unsicherheit sichtbar und quantifizierbar. Damit erhalten wir ein Instrument, das hilft, mit mehr Zuversicht in die Zukunft zu blicken, Risiken bewusst zu managen, realistische Planungen aufzustellen und verlässliche Zusagen zu geben. Darüber hinaus liefert die Prognose eine fundierte Kommunikationsgrundlage für alle Stakeholder: Sie beschreibt sowohl den Status quo als auch mögliche Szenarien und unterstützt so eine klare, faktenbasierte Diskussion und Entscheidungsfindung.
Auch wenn die Monte Carlo Simulation einfach in der Anwendung ist, hängt ihre Wirksamkeit von der Stabilität des Systems ab. Ohne verlässlichen Durchsatz, stabile Durchlaufzeiten und begrenzten WIP bleiben die Prozesse unvorhersehbar und Prognosen wertlos. Dabei ist Vorhersagbarkeit kein Ziel an sich, sondern ein Nebenprodukt stabiler Systeme. Wer Systeme stabilisiert, erhält als "Belohnung" Vorhersagbarkeit und damit bessere Planbarkeit, fundiertere Entscheidungen und mehr Zuversicht.
Take-aways für die Praxis:
Stabilität schaffen: Metriken nutzen, um Transparenz herzustellen und die Verlässlichkeit der Prozesse gezielt zu fördern!
Prognosen aufstellen: Szenarien analysieren und risikobewusste Entscheidungen treffen!
Regelmäßig simulieren: Prognosen sind Momentaufnahmen: Trends werden durch wiederholte Simulationen sichtbar.
Kommunikation verändern: Stakeholdern mögliche Szenarien transparent machen und so Vertrauen aufbauen!
Diese Schritte führen zu einer neuen Planungskultur. Einer Kultur, die auf Transparenz setzt, Vorhersehbarkeit der Prozesse fördert und die Handlungsfähigkeit erhöht. Der entscheidende Schritt liegt nicht in der Berechnung selbst, sondern in der Haltung: weg von der Illusion absoluter Sicherheit hin zu einem Mindset, das Unsicherheit akzeptiert, Entscheidungen unter Abwägung der Optionen trifft und Risiken bewusst managt.
Vertrauen ist gut – Prognose ist besser!
- Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken. München: Siedler Verlag, 2012, Kap. 11 und 24.
- Daniel S. Vacanti: Actionable Agile Metrics for Predictability: An Introduction. Herausgeber: Daniel S. Vacanti, Inc., 2016













