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Prof. Dr. Elske Ammenwerth 15. Januar 2019

Online-gestützte Weiterbildungen – Zukunft des Lernens?

Haben Sie sich Vorsätze für das neue Jahr gemacht? Vielleicht möchten Sie 2019 endlich einmal mehr zum Thema "Machine Learning" oder "Agiles Projektmanagement" lernen? Mir jedenfalls geht es so. Viele Themen stehen auf meiner "Wunsch-Lern-Liste". Lebenslanges Lernen ist das Mantra unserer Zeit. Und es gibt ja auch viele Weiterbildungsangebote in Form von Seminaren. Nur: Ich selber kann aus beruflichen und privaten Gründen nicht mehrere Tage auf eine Weiterbildung fahren. Was also tun?

Online-gestützte Weiterbildungsangebote bieten sich hier als Lösung an. Online-gestütztes Lernen hat ja viele Vorteile für mich: Ich kann von zu Hause oder vom Arbeitsplatz lernen und muss nicht wegfahren. Und ich kann mir meine Lernzeiten meist frei einteilen – vielleicht lerne ich besonders gut am Abend? Bei online-gestützten Angeboten bin ich zeit- und ortsunabhängig. Alles prima?

Nein, leider nicht. Denn online-gestützte Angebote bergen auch einige Tücken: Die freie Zeiteinteilung kann dazu führen, dass ich keine Zeit finde – immer kommen berufliche oder private Verpflichtungen dazwischen, die mich davon abhalten, endlich den Online-Kurs zu "Agiles Projektmanagement" ernsthaft zu beginnen. Außerdem fehlt mir die Interaktion mit anderen Personen – viele Online-Kurse sind als Selbststudium konzipiert, das bedeutet: Ich bin im Wesentlichen auf mich alleine gestellt. Der wertvolle Erfahrungsaustausch, der sich in der direkten Begegnung auf einem Seminar ergibt, fällt dadurch weg.

Was also tun? Zum Glück gibt es einige Ansätze, die uns helfen, diesen Tücken auszuweichen und gute online-gestützte Weiterbildungsangebote zu finden – Angebote, die mir helfen, trotz Online-Situation am Ball zu bleiben und mit den Mitstudierenden in engen Austausch zu treten.

Welche Arten online-gestützter Weiterbildung gibt es?

Wenn wir hier von online-gestützter Weiterbildung sprechen, meinen wir eine Form des Lernens, die zu überwiegenden Teilen im Online-Raum abläuft. Sie kommt also fast ganz ohne Präsenzkontakt zwischen Lehrenden und Lernenden aus. Ist der Anteil von Präsenzlernen und Online-Lernen etwa gleich hoch, spricht man von Blended Learning, also dem verschränkten Lernen. Ist der Anteil des Online-Lernen deutlich höher, spricht man von online-gestütztem Lernen.

Online-gestütztes Lernen kann auf verschiedene Arten ablaufen, drei davon möchte ich kurz vorstellen:

Synchrones Online-Lernen

Hierbei treffen sich Lehrende und Lernende zu einem bestimmten Zeitpunkt (z. B. Montags und Mittwochs um 19 – 22 Uhr) im Online-Raum für eine Vorlesung oder Übungen. Das Lernen findet also synchron statt. Der Kontakt kann per Videokonferenz, Webinar oder Chat stattfinden. Der Vorteil dieser Art von Lernen ist die Möglichkeit der direkten Interaktion mit den Lehrenden und Mitstudierenden. Der Nachteil ist der Verlust an freier Zeiteinteilung – wer z. B. abends die Kinder versorgen muss, kann hier nicht teilnehmen.

Asynchrones online-Selbststudium

Hier erhält der Lernende über eine Online-Plattform alle Materialien für ein Selbststudium, also Videos, Podcasts, Skripte, Übungsblätter, Lösungen und Tests. Der Lernende kann sich die Zeit frei einteilen. Der Nachteil dieser Art von Lernen ist der Verlust der Interaktion – Lernende sind eher alleine in ihrem Lernen. Dies kann schnell zu Frustration führen, diese Art des Lernens erfordert also ein sehr hohes Durchhaltevermögen. Bei Fragen stehen zwar Möglichkeiten zum Kontakt mit Lehrenden und Mitstudierenden zur Verfügung, diese Interaktion ist aber oft nicht sehr intensiv. Die bekannten MOOCs (Massive Open Online Courses) basieren auf diesem Prinzip – und verzeichnen oft hohe Abbrecherquoten.

Asynchrones kooperatives Lernen

Dieser Ansatz verbindet die Vorteile der beiden vorgenannten Ansätze, nämlich die Zeit- und Ortsunabhängigkeit des Lernens unter Betonung der Interaktivität des Lernens. Hier werden auch Materialien in einem Online-Raum angeboten, die zu bearbeiten sind. Der Fokus liegt hierbei aber auf dem gemeinsamen Lernen. Typische Formen sind hier Lernaktivititäten, die in Kleingruppen zu bearbeiten sind, fachspezifische Diskussionen, die auch benotet werden, oder Peer-Feedback, also Feedback zu Lösungen durch Mitstudierende. Diese Form des Lernens erfordert kontinuierliche Mitarbeit der Lernenden und ist damit besonders intensiv.

Welche Erfolgskriterien für online-gestützte Weiterbildung gibt es?

Aus der Theorie des Sozio-Konstruktivismus wissen wir, dass Lernen dann erfolgreich ist, wenn es aktiv und in Gemeinschaft mit anderen erfolgt. Der Lernende muss sich also Wissen aktiv erarbeiten (konstruieren) und nicht nur passiv konsumieren. Außerdem fördert der Austausch mit anderen Personen das tiefe Lernen, also das Verständnis des Erlernten. Die Forschung zeigt, dass derartiges gemeinsames Lernen die Lernmotivation steigert, zu einer aktiveren Verarbeitung der Inhalte führt, überfachliche Kompetenzen stärkt und insgesamt zu einem größeren Lernerfolg führt.

Beim asynchronen online-gestützten Lernen ist es natürlich eine Herausforderung, sowohl die Aktivität als auch die Interaktion mit anderen Personen zu ermöglichen. Online-gestützte Weiterbildungsangebote müssen daher sehr gezielt gestaltet werden – das reine Bereitstellen von ein paar Lernunterlagen ist sicher nicht ausreichend, um erfolgreiches und gemeinsames Lernen zu ermöglichen.

Was macht nun konkret erfolgreiches Online-Lernen aus? Hierzu gibt die Community of Inquiry eine Antwort. Die Community of Inquiry ist ein sozio-konstruktivistisch geprägter Rahmen für online-gestütztes Lernen. Sie beschreibt Erfolgsfaktoren für nachhaltiges online-gestütztes Lernen. Das Community-of-Inquiry-Modell argumentiert dabei, dass für erfolgreiches Lernen vor allem drei Faktoren notwendig sind, die sich gegenseitig beeinflussen:

Der erste Faktor ist die soziale Präsenz (social presence), d. h. die Fähigkeit, sich als Teil einer Lerngruppe zu verstehen und gegenseitige vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen. Soziale Präsenz zeigt sich z. B. in offener Kommunikation, einem Gruppengefühl und wertschätzenden Beziehungen. Erfolgreiche online-gestützte Angebote müssen also den Aufbau eines Gruppengefühls kontinuierlich unterstützen.

Der zweite Faktor ist die Lehrenden-Präsenz (teaching presence), welche die Steuerung der Lernprozesse durch die Lehrenden beschreibt. Die Lehrenden-Präsenz zeigt sich z. B. in einer guten Organisation des Kurses, in der Klarheit der Aufgaben und in der Unterstützung der studentischen Diskussionen. Erfolgreiche online-gestützte Angebote zeichnen sich also dadurch aus, dass der Lehrende durchgehend präsent ist und die Lerngruppe durch den Kurs begleitet.  

Der dritte Faktor ist die kognitive Präsenz (cognitive presence), welche das Ausmaß beschreibt, in der die Lernenden durch gemeinsames Lernen wirklich Kompetenzen erwerben. Kognitive Präsenz zeigt sich z. B. darin, dass Studierende mit herausfordernden und spannenden Problemen konfrontiert werden oder dass konzentrierte Diskussionen zu einzelnen Fragen stattfinden.

Diese drei Erfolgsfaktoren hängen zusammen und sind die Voraussetzung für erfolgreiches Online-Lernen. Abb. 1 stellt die drei Erfolgsfaktoren und ihren Zusammenhang noch einmal dar.

Wir konnten in einem von uns angebotenen online-basierten Weiterbildungsangebot im Bereich der Gesundheitsinformatik zeigen, dass in diesem asynchronen kooperativen Lernsetting alle drei Präsenzen hoch sind und gut mit dem Lernerfolg korrelieren [1]. In den (Wochen-)Reflexionen und Kommentaren berichteten die Studierenden von gutem Zusammenhalt und Interaktion in der Gruppe, einer offenen und unterstützenden Diskussionskultur und einem Zuwachs an Wissen durch die Interaktion und Kooperation in der Teilnehmergruppe. Betont wurde dabei der Vorteil, dass die Teilnehmer aus unterschiedlichen Berufsgruppen im Gesundheitswesen kamen und so verschiedene Perspektiven eingebracht und ausgetauscht werden konnten. Studierende schätzten auch die Flexibilität des Online-Lernens. Mehrere Studierende zeigten sich überrascht davon, wie gut die Kollaboration im online-gestützten Lernsetting funktionierte. Kritisch wurden der hohe Arbeitsaufwand und die Notwendigkeit, fast täglich online zu sein, angemerkt. Eine andere Herausforderung für die Studierenden war es, nach mehrtägiger Abwesenheit (z. B. bedingt durch Krankheit) wieder Anschluss an die Gruppendiskussionen zu finden. Insgesamt zeigten sich die Studierenden in den Interviews sehr positiv über diese Art des Lernens.

Was ist die richtige Online-Weiterbildung für mich?

Auf diese Frage gibt es natürlich keine einfache Antwort, kein Kochrezept. Folgende Fragen können Ihnen aber helfen, ein für Sie passendes Angebot zu finden. Ich gehe davon aus, dass Sie grundsätzlich zeit- und ortsunabhängig lernen wollen:

  • Was genau will ich lernen? Welches Thema interessiert mich und warum?
  • Brauche ich überhaupt ein formalisiertes Weiterbildungsangebot oder kann ich mir das Wissen über Bücher oder YouTube-Videos selber erarbeiten?
  • Bin ich eher ein Einzelkämpfer, lerne ich gerne aus bereitgestellten Unterlagen? Dann liegen mir eher Angebote, die wenig Interaktion erfordern, also das asynchrone Selbststudium (z. B. ein MOOC).
  • Möchte ich mich mit Mitstudierenden und dem Lehrenden aktiv austauschen? Möchte ich andere Standpunkte kennenlernen und dadurch lernen? Diskutiere ich gerne über verschiedene Sichtweisen? Möchte ich wirklich verstehen, was ich lerne? Dann liegen mir eher Angebote, die mehr Interaktion erfordern, also eher asynchrone kooperative Angebote.
  • Bin ich bereit, ein paar Präsenztage zu investieren? Einige Angebote erfordern z. B. Präsenztage zu Beginn oder im Verlauf der Weiterbildung.
  • Bin ich eher an einer praxisnahen Weiterbildung interessiert oder eher an einer wissenschaftlichen Durchdringung eines Themas? Danach sollte ich mir dann den Anbieter anschauen (Universität? Fachhochschule? Weiterbildungsinstitut? Firma?).
  • Bin ich eher an der Theorie zu einem Thema interessiert oder möchte ich auch praktische Erfahrungen sammeln? Wie viele Möglichkeiten für praktische Übungen und Anwendungen bietet das Angebot?
  • Basiert das Angebot auf einem erkennbaren didaktischen Konzept? Danach sollten Sie explizit fragen! Kann ein Anbieter hier nichts dazu sagen, also kein theoretisches Konzept nennen, hat er sich vielleicht noch gar keine Gedanken über die Didaktik gemacht, was meist kein gutes Zeichen für die didaktische Qualität ist.
  • Ist das Angebot auf die besonderen Bedürfnisse berufstätiger Lernenden ausgerichtet? Kann ich z. B. mein Vorwissen einbringen, eigene Lernziele definieren oder eigene Lernwege wählen? Werde ich bei der Reflexion des Erlernten und beim Transfer in den beruflichen Alltag aktiv unterstützt?
  • Wie wird die soziale Präsenz gefördert? Gibt es Aktivitäten zum Kennenlernen und zur Vernetzung? Wie sichtbar sind die Mitstudierenden für mich? Wie viele Gruppenarbeiten werden verlangt?
  • Wie ist die Lehrenden-Präsenz? Gibt es einen klaren, durchgängig verfügbaren Lehrenden, der mir bei Problemen hilft? Welche Rolle haben die Lehrenden im Kurs? Führen sie die Gruppe durch den Kurs, initiieren sie Diskussionen? Oder stellen sie nur Unterlagen bereit?
  • Wie viel Zeit pro Woche habe ich realistisch für die Weiterbildung zur Verfügung? Kann ich täglich lernen oder nur am Wochenende? Welche anderen Aktivitäten (Familie, Hobbies, …) muss ich für die Lernzeit reduzieren? Passt meine Zeitverfügbarkeit zum ausgewählten Angebot? Wie viel Zeit will ich insgesamt investieren? (Wochen? Monate?)
  • Erfordert das ausgewählte Angebot noch spezielle technische Voraussetzungen (z. B. Videokamera, bestimmte Software), die ich nicht habe?
  • Wie erfolgen die Prüfungen? Muss ich für eine Klausur irgendwohin fahren? Oder finden die Prüfungen begleitend und kompetenzorientiert statt, z. B. über Bearbeitung von Fallbeispielen?
  • Welche Art von Zertifikat oder Abschluss erhalte ich am Ende? Kann ich die Weiterbildung für meine berufliche Karriere nutzen?
  • Wie hoch sind die Abbrecherquoten?
  • Was kostet das Angebot?

Fazit

Die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens führt zu einer Vielzahl an asynchronen online-gestützten Weiterbildungen mit keinen oder wenigen Präsenztagen. Überlegen Sie gut, welches Angebot Sie auswählen. Unterschätzen Sie nicht den Zeitaufwand für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem neuen Thema. Mal eben kurz vor einer Prüfung das Skript lesen wird eher nicht zu nachhaltigem Lernen führen. Suchen Sie Angebote, die einen klaren und zu Ihnen passenden didaktischen Ansatz haben. Dann steht einem gelungenen Online-Lernen nichts im Wege! Und wenn Sie Feuer gefangen haben – wie wäre es dann mit einem ganzen online-gestützten Studium mit akademischem Abschluss? Die Lernwelt der Zukunft ist offen für (fast) alles!

Quellen

Autorin

Prof. Dr. Elske Ammenwerth

Univ.-Prof. Dr. Elske Ammenwerth leitet das Institut für Medizinische Informatik an der UMIT, der Privaten Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik in Hall in Tirol.
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