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Roland Pfeiffer 29. Oktober 2019

50 Jahre Informatik

Konrad Zuse entwickelte den weltweit ersten digitalen Rechner im Jahre 1941. Doch war das auch das Geburtsjahr der Informatik? Oder beginnt die Informatik bereits viel früher, etwa beim mechanischen Rechenhilfsmittel Abakus mehrere tausend Jahre vor Christus? Oder bei Charles Babbage und Ada Lovelace, die durch die von Babbage 1837 entworfene Rechenmaschine Analytical Engine als Vordenker des modernen universell programmierbaren Computers gelten? Natürlich ist es für eine ganze Branche wie die Informatik eigentlich nicht möglich, ein Geburtsjahr anzugeben. Aber wenn es eines gibt, dann ist es das Jahr 1969. Glückwunsch zum 50. Geburtstag, liebe Informatik!

1969: Das Geburtsjahr der Informatik

Was spricht für 1969? Wer an dieses Jahr denkt, dem fällt zuerst die erste Mondlandung von Apollo 11 im Juli 1969 ein, ebenfalls das legendäre Woodstock-Festival. Aber 1969 war auch das Jahr, in dem die Informatik, wie wir sie heute kennen, entscheidend geprägt wurde. Dabei gab es nicht nur ein einziges Ereignis, sondern vier einschneidende Begebenheiten in diesem Jahr, die die wesentlichen Grundlagen für die Informatik von heute legten.

Vor 1969 war die Softwarebranche überschaubar. 1967 zum Beispiel erwirtschafteten die zehn größten Beraterfirmen in der Bundesrepublik Deutschland mit 231 Fachleuten einen Umsatz von neun Millionen D-Mark (umgerechnet 4,6 Millionen Euro).

1. Das Studienfach Informatik wird erstmalig in Deutschland etabliert und die Gesellschaft für Informatik gegründet.

Innovationen der Informationstechnik prägen seit jeher und bis in die heutige Zeit. Gegenwärtig gibt es praktisch kaum eine technische Erfindung, die nicht in irgendeiner Form von Informatiklösungen abhängt. Vor 50 Jahren dagegen sah das ganz anders aus. Von Computern war außerhalb der Fachwelt kaum etwas zu sehen. Der Begriff der Informatik sowie der Beruf des Informatikers waren unbekannt. Aber selbst für Experten war der Computer noch etwas "Exotisches". Man konnte nicht einfach Informatik studieren, denn einen solchen Studiengang gab es zu dieser Zeit noch nicht. Wer nach dem Schulabschluss mit Computern arbeiten wollte, hatte nur die Möglichkeit, sich dem Thema über ein Studium der Elektrotechnik oder Nachrichtentechnik zu nähern. Erst im Jahre 1969 wurden an den Standorten Darmstadt, Dresden, Karlsruhe, München und Saarbrücken die ersten universitären Informatikstudiengänge in Deutschland etabliert.  

Zudem fand am 16. September 1969 in Bonn die Gründungssitzung der Gesellschaft für Informatik (GI) am Rande einer Sitzung im damaligen Forschungsministerium statt [1]. Die GI begleitet seitdem die fachliche Entwicklung der Informatik an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Auch die Auseinandersetzung mit Fragen der gesellschaftlichen Auswirkungen der Informatik ist ein zentrales Anliegen der GI. Durch diese Initiativen wurde die Informatik salonfähig und für deutlich mehr Menschen zugänglich – ein Beschleuniger für die Entwicklung moderner Technologien. Vor 1969 war das Wort "Informatik" nur in akademischen Zirkeln geläufig. Erst als der damalige Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, Gerhard Stoltenberg, 1968 anlässlich der Eröffnung einer Tagung in Berlin das Wort "Informatik" mehrfach gebrauchte, wurde es von Journalisten aufgegriffen und war danach auch über die Fachwelt hinaus existent.

Geprägt wurde die Bezeichnung "Informatik" von Prof. Dr.-Ing. Karl Steinbuch und kann auf seine erste Publikation "Informatik: Automatische Informationsverarbeitung" aus dem Jahr 1957 zurückgeführt werden [2].

2. Die erfolgreiche Mondlandung von Apollo 11 war nur mit Hilfe von "leistungsfähigen" Computern möglich, die ihrer Zeit voraus waren.

Auch der Flug zum Mond mit der Apollo 11 ist ein für die Informatik bedeutsames Ereignis. Dass das technisch möglich war, verdanken wir drei verschiedenen, miteinander vernetzten Computersystemen, die damals hochmodern waren und ihresgleichen suchten. Das "erdgebundene" System davon war der Real Time Computer Complex (RTCC), der im Mission-Control-Zentrum in Houston stand. Es bestand aus fünf IBM System / 360 Model 75 Mainframes. Es war für die komplizierten Berechnungen der Umlaufbahnen verantwortlich und schickte von der Erde aus Daten per Funk an die Apollo-Systeme. Des Weiteren wurden hier die Daten der einzelnen Systeme "eingesammelt", verdichtet und aufbereitet, die dem zuständigen Flight Director während der einzelnen Phasen der Mission halfen, wichtige Entscheidungen zu treffen. Ein zweiter Computer, der zum Einsatz kam, war der Launch Vehicle Digital Computer (LVDC). Er war die Steuerungseinheit in der Saturn-V-Rakete und kontrollierte die Rakete vom Start bis zur Erdumlaufbahn. Der wichtigste Rechner der Mission jedoch war der sogenannte Apollo Guidance Computer (AGC), der in Apollo-Raumschiffen in zwei Varianten vorhanden war: Im Kommandomodul ermöglichte er die Navigation bis zur Mondumlaufbahn und zurück zur Erde. In der Mondlandefähre war er primär für die sichere Landung auf dem Mond und das Rendezvous mit dem Kommandomodul bei der Rückkehr der Aufstiegsstufe verantwortlich. Damit war dieser Rechner sowohl software-, als auch hardwareseitig ein Meilenstein für die Computerentwicklung und seiner Zeit damals weit voraus. Teamleiterin des Flug- und Navigationsprogramms für den AGC war übrigens eine der ersten Frauen in der Informatik: Margaret Hamilton [3].

Die NASA trieb durch das Apollo-Programm außerdem die Entwicklung der Mikrochips entscheidend voran. Schon damals, quasi noch in der Computer-Steinzeit, konzipierten NASA und das MIT für den AGC ein Multitasking-Betriebssystem mit Zeitscheiben und Prioritäten-Zuweisung – ohne die eine erfolgreiche Landung der Apollo 11 nicht möglich gewesen wäre, wie sich im Live-Betrieb herausstellte. Diese Entwicklungen haben der Informatik wichtige Impulse im Hardware- und insbesondere im Softwarebereich gegeben und als "Zeitraffer" gewirkt.

3. IBM läutet mit dem Unbundling den Start einer unabhängigen Softwareindustrie ein.

Ein weiteres einschneidendes Ereignis im Jahr 1969, das die Entwicklung der Informatik beeinflusste, war IBMs "Unbundling". Im Juni 1969 verkündete der Computer-Konzern, Hard- und Software künftig separat in Rechnung zu stellen. Damit wurde der erste Grundstein für die unabhängige Softwarebranche gelegt. Bis zu diesem Zeitpunkt stellte IBM seinen Kunden die Programme und Services ohne zusätzliche Kosten zusammen mit dem Rechner zur Verfügung. Software und Services waren natürlich nicht kostenlos, ihr Wertbeitrag war einfach in der Miete der Gesamtlösung "eingepreist".

Der Hintergrund war der, dass IBM sich Ende der 60er-Jahre mit der /360-Rechnergeneration trotz des bis dato unerreicht und exorbitant hohen Entwicklungsaufwands von insgesamt fünf Milliarden US-Dollar zu dem mit Abstand dominantesten Anbieter im Markt entwickelt hatte. Diese Dominanz rief in den USA das Justizministerium auf den Plan, das 1969 kartellrechtliche Untersuchungen gegen IBM aufnahm. Ein Vorwurf lautete, dass der Konzern sich durch seine Ein-Preis-Politik unliebsamer Konkurrenz auf dem Gebiet der Dienstleistungen und Peripheriegeräte entledigte. Mit der Ankündigung des Unbundling wollte IBM zum einen die Behörde versöhnlicher stimmen. Zum anderen erkannte das Management, dass IBM selbst Nutznießer der Entkopplung sein würde. Im Softwaregeschäft konnte man nun beispielsweise die Lizenzgebühren an der Leistung des installierten Rechners orientieren und somit neue Einnahmeströme generieren. Auch wenn die konkrete Umsetzung dann doch noch etwas dauerte, war dieser Schritt die Geburt der Milliarden Dollar schweren Software- und Services-Industrie. Was folgte, war ein erster Gründungsboom von Softwarehäusern in den Industrienationen, der sich bis heute fortsetzt.

Das IBM System /360 war eine Familie von Mainframe-Computersystemen, die von IBM am 7. April 1964 angekündigt und ab 1965 ausgeliefert wurden. Es war die erste Computerfamilie, die auf Kompatibilität ausgelegt war, um die gesamte Bandbreite an Anwendungen abzudecken, von kleinen bis zu großen sowohl kommerziellen als auch wissenschaftlichen Anwendungen. Vor der /360 war praktisch jedes Computermodell ein Unikat, optimiert für bestimmte Aufgaben und Kunden.

4. Start des Internet-Vorläufers Arpanet.

Ein weiteres Ereignis, das in diesem Zusammenhang wichtig ist, ist der Internet-Vorläufer Arpanet. Der erste Daten-Knoten nahm am 30. August 1969 an der Universität von Los Angeles seinen Betrieb auf. Bis zum Jahresende folgten noch weitere Standorte in Stanford, Santa Barbara und Utah. Der Internet-Vorläufer war zunächst etwas kleiner als geplant und erst recht als man es heute kennt. Gerade einmal vier Universitäten in den USA sollten zu Beginn an Arpanets Computernetzwerk angeschlossen werden. Damals ahnte niemand, dass sich aus der Vernetzung dieser vier einzelnen Computer in Kalifornien eine Infrastruktur entwickeln würde, die heute Milliarden von Menschen weltumspannend verbindet. Die Mittel für das Projekt, das den Grundstein für das heutige Internet legte, kamen aus der staatlichen Advanced Research Projects Agency (ARPA), die dabei helfen sollte, die technologische Vorherrschaft der USA gegenüber der Sowjetunion sicherzustellen [4].

Die zugrundeliegende Idee des "Packet Switching" hatte einige Jahre vorher Paul Baran [5]. Um dem Problem unterbrochener Kommunikationsverbindungen bei einem Atomschlag zu entgehen, schlug Baran vor, die Kommunikation sozusagen zu "atomisieren". Seine Lösung war ebenso genial wie einfach: Statt wie bisher feste Verbindungen zwischen Sender und Empfänger aufzubauen, sollte sich jede Nachricht im Netz ihren Weg selbst suchen. Um das zu verwirklichen, war Barans Idee, die zu übertragenden Daten in kleine Pakete zu zerlegen, die unabhängig voneinander durch das Netz laufen sollten und am Ende wieder zusammengesetzt werden. Datenpakete, die noch nicht an ihrem Ziel angekommen sind, werden so lange an den nächsten Knoten im Netz weitergereicht, bis sie ihr Ziel erreicht haben. Solch ein Netz wird umso robuster, je dichter es geknüpft ist.

Spätestens hier waren die wichtigsten Grundlagen für die heutige Informatik gelegt, denn was wäre die Informatik ohne das Internet, ohne Software-Unternehmen und ohne Universitäten, die ständig neue Informatiker ausbilden?

Heute umfasst der Softwaremarkt in Deutschland ein Volumen von 26 Milliarden Euro. Zusammen mit Projektgeschäft und IT-Beratung werden sogar 40 Milliarden Euro umgesetzt.

Autor

Roland Pfeiffer

Roland Pfeiffer ist Geschäftsführer der Uniserv GmbH aus Pforzheim. Seit Mitte der 70er Jahre bestimmt er maßgeblich die Entwicklung des Unternehmens, zunächst als Leiter der Softwareentwicklung, später dann als Geschäftsführer.
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